
Wie es vielleicht schon bemerkt wurde, bin ich in Kanada unvermeidlich mit viel Natur in Berührung gekommen, was sich nicht vermeiden ließ, dadurch, dass ich auf dem Land gelebt habe. Mein nächster „Nachbar“ war fünf Kilometer entfernt und das nächste Dorf namens Shawville (mit 2000 Einwohnern), wo sich auch meine Schule befand, etwa eine Autostunde entfernt lag. Das brachte eine gewöhnungsbedürftige Immobilität mit sich, an die sich erst einmal gewöhnt werden musste. Dieses Problem löste sich allerdings nach kurzer Zeit, nachdem ich mehrere Freunde kennen lernte, die einen Führerschein besaßen. Das Gesetz Kanadas und der Provinz Quebec, in welcher ich lebte, erlaubte mir auch einen Führerschein zu machen, allerdings verbot dies meine Austauschorganisation EF, da damit ein unheimlicher Aufwand verbunden wäre.
Mit der Organisation selbst hatte ich kaum Kontakt. Im Prinzip half sie mir nur, mich mit einer Schule und einer Gastfamilie zusammenzuführen. Eigentlich sieht das Programm ein regelmäßiges Treffen aller EF-Austauschschüler vor. Mir war es leider nicht möglich an diesen wöchentlichen Aktionen teilzunehmen, weil ich als einziger aller 50 EF-Schüler Quebecs nicht in der Stadt Montreal wohnte, wo diese Treffen stattfanden. Im Falle eines elementaren Problems während des Austauschjahres hätte ich aber ohne Probleme mit meinem Koordinator, der Verbindungsperson zu EF, Kontakt aufnehmen können. Mein Jahr lief dennoch fast reibungslos ab. Die größte Aufregung gab es nur vor dem Austauschjahr, als ich eine Woche vor meiner geplanten Abreise meine Gastfamilie zugeordnet bekam und mir die kanadische Botschaft genau 24 Stunden vor der Abreise nach unzähligen Telefonaten mein Visum zufaxte. Nach der Ankunft am Flughafen in Ottawa und dem Kennenlernen meiner Gastfamilie stand dem Jahr nichts mehr im Wege. Von dem groß erwähnten Kulturschock war nichts zu bemerken, schon nach wenigen Wochen Aufenthalt nahm ich kein Wörterbuch mehr mit zur Schule, weil mir die englische Sprache keine Probleme bereitete und die Eingliederung in beziehungsweise die Anpassung an meine Gastfamilie ohne Probleme verlief. Hierbei hatte ich großes Glück.

Schon am ersten Wochenende wurde ich in das Kanufahren eingeführt. Allerdings war es nicht vergleichbar mit einem kurzen Tümpeln in der Hunte, sondern wir machten gleich eine dreitägige Kanutour durch die Wildnis. Mit dem Auto brachten wir die Kanus und die Ausrüstung zu einem Naturpark und nach einem Tag paddeln schlugen wir einfach unser Lager an einer beliebigen Stelle am Rande des Flusses auf. Über Nacht mussten die Lebensmittel zum Schutz gegen Bären mit einer Schnur an einem Baum aufgehängt werden, und am nächsten Tag führten wir unsere Tour weiter, bis wir am dritten Tag von Bekannten am Ziel wieder aufgegriffen wurden. Schon hatte ich einen Crash Kurs zum Thema „Die Natur Kanadas“ hinter mir. Zum Kanufahren kamen dann noch unzählige Stunden und Tage Kajakfahren, Wandern, und im Winter noch Skilanglauf und Schneeschuhlauf hinzu. Außerdem durfte ich mich das gesamte Jahr hindurch zweimal wöchentlich an einem Taekwondo-Kurs erfreuen. All diese Aktivitäten konnten mehr oder weniger direkt vor der Haustuer unternommen werden: Meine Gastfamilie besaß ein Grundstück von 50 Hektar Größe, welches eigentlich nur aus Wald bestand, und durchsetzt war von kleinen Flüssen, Biberdämmen und den von diesen Biberdämmen erzeugten Seen. Je nach Jahreszeit konnte man Wandern oder Schlittschuhlaufen, was immer das Herz begehrt. Andere Unternehmungen waren mir allerdings verwehrt. Durch die Abgeschiedenheit und Immobilität war zum Beispiel das Treffen von Freunden in Shawville sehr schwierig.
Ein solches Austauschjahr empfehle ich ausdrücklich Jedem, unabhängig davon, mit welcher Austauschorganisation und wohin man fährt, welche Sprache dort gesprochen wird, und ob man diese Sprache schon beherrscht. Es sollte jeder, der die Möglichkeit hat, für ein Jahr in ein fremdes Land zu fahren, die Hürde überwinden, Freunde und Familie für ein Jahr zu verlassen. Es spielt keine Rolle, ob man völlig abgeschieden auf dem Land lebt oder im Zentrum einer Großstadt; alle Erfahrungen und Erlebnisse sind einmalig und auf individuelle Art etwas Besonderes. Deshalb ist es sehr wichtig ohne jegliche Vorurteile oder Erwartungen an das Austauschjahr heranzugehen und offen für alles zu sein.
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