Altes Gymnasium Oldenburg

Alex in Kanada

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Fragt man mich, wie ich meinen einjährigen Auslandsaufenthalt in nur einem Wort beschreiben würde, gäbe es zwei Antworten: Der kleine Teufel auf der einen Schulter würde antworten, “Kalt!“, und der kleine Engel auf der anderen Schulter riefe „Wunderschön!“. Beide Antworten müssen nun erst einmal erklärt werden. Das „Kalt“ bezieht sich auf einen Winter, wie ihn vermutlich kein anderer Austauschschüler der AGO ihn erlebt hat: Bei minus 40 Grad Celsius überlebte ich in einem Haus, welches zum einen nur aus Holz erbaut war und zum anderen den gesamten Winter hindurch ausschließlich mit zwei Holzkaminen beheizt wurde. Gegen diese Kälte halfen nur drei Dinge: Das anstrengende wochenlange Hacken und Spalten des Feuerholzes, dicke Kleidung und der wärmende Anblick der wunderschönen Natur. Hier kommt die zweite Aussage hinzu. Eine solche Natur, wie sie noch in Kanada existiert, ist in Worte kaum zu fassen; Unberührtheit zeichnet den Grossteil der Landschaft aus. Fast jede Kameraaufnahme in jeder der vier Jahreszeiten hat National Geographic Qualität. Ohne Mühe gelingen Photos von unglaublichen roten und orangenen Ahornwäldern im Herbst oder von kleinen Eichhörnchen, wie sie im Winter aus einem kleinen Loch in der zwei Meter dicken Schneeschicht herausspähen.

Wie es vielleicht schon bemerkt wurde, bin ich in Kanada unvermeidlich mit viel Natur in Berührung gekommen, was sich nicht vermeiden ließ, dadurch, dass ich auf dem Land gelebt habe. Mein nächster „Nachbar“ war fünf Kilometer entfernt und das nächste Dorf namens Shawville (mit 2000 Einwohnern), wo sich auch meine Schule befand, etwa eine Autostunde entfernt lag. Das brachte eine gewöhnungsbedürftige Immobilität mit sich, an die sich erst einmal gewöhnt werden musste. Dieses Problem löste sich allerdings nach kurzer Zeit, nachdem ich mehrere Freunde kennen lernte, die einen Führerschein besaßen. Das Gesetz Kanadas und der Provinz Quebec, in welcher ich lebte, erlaubte mir auch einen Führerschein zu machen, allerdings verbot dies meine Austauschorganisation EF, da damit ein unheimlicher Aufwand verbunden wäre.

Mit der Organisation selbst hatte ich kaum Kontakt. Im Prinzip half sie mir nur, mich mit einer Schule und einer Gastfamilie zusammenzuführen. Eigentlich sieht das Programm ein regelmäßiges Treffen aller EF-Austauschschüler vor. Mir war es leider nicht möglich an diesen wöchentlichen Aktionen teilzunehmen, weil ich als einziger aller 50 EF-Schüler Quebecs nicht in der Stadt Montreal wohnte, wo diese Treffen stattfanden. Im Falle eines elementaren Problems während des Austauschjahres hätte ich aber ohne Probleme mit meinem Koordinator, der Verbindungsperson zu EF, Kontakt aufnehmen können. Mein Jahr lief dennoch fast reibungslos ab. Die größte Aufregung gab es nur vor dem Austauschjahr, als ich eine Woche vor meiner geplanten Abreise meine Gastfamilie zugeordnet bekam und mir die kanadische Botschaft genau 24 Stunden vor der Abreise nach unzähligen Telefonaten mein Visum zufaxte. Nach der Ankunft am Flughafen in Ottawa und dem Kennenlernen meiner Gastfamilie stand dem Jahr nichts mehr im Wege. Von dem groß erwähnten Kulturschock war nichts zu bemerken, schon nach wenigen Wochen Aufenthalt nahm ich kein Wörterbuch mehr mit zur Schule, weil mir die englische Sprache keine Probleme bereitete und die Eingliederung in beziehungsweise die Anpassung an meine Gastfamilie ohne Probleme verlief. Hierbei hatte ich großes Glück.

Das lag womöglich hauptsächlich daran, dass meine Gastfamilie, bestehend aus Ehepaar und vier Töchtern (von denen allerdings nur die jüngste noch zu Hause lebte), überhaupt nicht einer klischeehaften Nordamerikanischen Familie entsprach. Sie war äußerst liberal, hatte sehr europäische politische Einstellungen, lehnte Junk Food definitiv ab, und war extrem naturverliebt. Ich erinnere mich noch an unser allererstes Gespräch am Flughafen: Mein Gastvater und ich unterhielten uns über Biodiesel und die Einstellung der Amerikaner der Natur gegenüber. Ich weiß nicht warum dieses Thema die Ehre hatte, zuerst angesprochen zu werden. Nicht nur die Einstellung und der Lebensstil meiner Gastfamilie war sehr naturnah, sondern auch ihre Freizeitaktivitäten.

Schon am ersten Wochenende wurde ich in das Kanufahren eingeführt. Allerdings war es nicht vergleichbar mit einem kurzen Tümpeln in der Hunte, sondern wir machten gleich eine dreitägige Kanutour durch die Wildnis. Mit dem Auto brachten wir die Kanus und die Ausrüstung zu einem Naturpark und nach einem Tag paddeln schlugen wir einfach unser Lager an einer beliebigen Stelle am Rande des Flusses auf. Über Nacht mussten die Lebensmittel zum Schutz gegen Bären mit einer Schnur an einem Baum aufgehängt werden, und am nächsten Tag führten wir unsere Tour weiter, bis wir am dritten Tag von Bekannten am Ziel wieder aufgegriffen wurden. Schon hatte ich einen Crash Kurs zum Thema „Die Natur Kanadas“ hinter mir. Zum Kanufahren kamen dann noch unzählige Stunden und Tage Kajakfahren, Wandern, und im Winter noch Skilanglauf und Schneeschuhlauf hinzu. Außerdem durfte ich mich das gesamte Jahr hindurch zweimal wöchentlich an einem Taekwondo-Kurs erfreuen. All diese Aktivitäten konnten mehr oder weniger direkt vor der Haustuer unternommen werden: Meine Gastfamilie besaß ein Grundstück von 50 Hektar Größe, welches eigentlich nur aus Wald bestand, und durchsetzt war von kleinen Flüssen, Biberdämmen und den von diesen Biberdämmen erzeugten Seen. Je nach Jahreszeit konnte man Wandern oder Schlittschuhlaufen, was immer das Herz begehrt. Andere Unternehmungen waren mir allerdings verwehrt. Durch die Abgeschiedenheit und Immobilität war zum Beispiel das Treffen von Freunden in Shawville sehr schwierig.

Die Schule hingegen stellte sich als weniger schwierig heraus. Dadurch, dass Schüler nicht wie in Deutschland nach Leistungsklassen getrennt unterrichtet werden, sinkt das Lernniveau für Leistungsstarke sehr. Die Quebecois Bildungspolitik wirft bei manchen Dingen große Fragen auf. Beispielsweise wurden am Ende des Schuljahres große Examen geschrieben, welche in wenigen Hauptfächern 100% der Gesamtnote ausmachten. Es liegt dann im Ermessen des Lehrers, ob und wie er den Rest des Jahres noch mit einbezieht. Der Stundenplan war so gestaltet, dass er aus neun Tagen bestand und sich somit, unabhängig vom Wochentag, immer wieder im Neun-Tages-Zyklus wiederholte. Das sorgt zwar für einige Verwirrung, erleichtert aber die Planung der Stundenanzahlen. Mit den meisten Lehrern baut man mit der Zeit ein eher freundschaftliches Verhältnis auf. Es entstehen intensive Freundschaften zwischen manchen Lehrern und Schülern. Besonders zeichnet sich (eigentlich bei allen nordamerikanischen Schulen) der so genannte „School Spirit“ aus. Highschool-Schüler besitzen einen unbändigen Stolz, auf der Schule zu sein, welche sie besuchen. Das drückt sich durch das Tragen von den Schulfarben, -wappen und unzähligen Schulveranstaltungen aus (unter anderem durch verschiedene „Dances“, wozu auch die Prom zählt) und durch das Vertreten der Schule in Sport- und anderen Wettkampfteams. Dieser School Spirit führt letzten Endes zu großem Zusammenhalt der Schülerschaft und außergewöhnlichem Engagement.

Ein solches Austauschjahr empfehle ich ausdrücklich Jedem, unabhängig davon, mit welcher Austauschorganisation und wohin man fährt, welche Sprache dort gesprochen wird, und ob man diese Sprache schon beherrscht. Es sollte jeder, der die Möglichkeit hat, für ein Jahr in ein fremdes Land zu fahren, die Hürde überwinden, Freunde und Familie für ein Jahr zu verlassen. Es spielt keine Rolle, ob man völlig abgeschieden auf dem Land lebt oder im Zentrum einer Großstadt; alle Erfahrungen und Erlebnisse sind einmalig und auf individuelle Art etwas Besonderes. Deshalb ist es sehr wichtig ohne jegliche Vorurteile oder Erwartungen an das Austauschjahr heranzugehen und offen für alles zu sein.

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