Die 12. Reise der High Seas High School
22.10.05 – 29.04.06
190 Tage Kuba, Costa Rica, Mexiko und das Meer…
Kiel – Borkum – Falmouth – Teneriffa – St. Vincent and the Grenadines – Tobago Cays – Martinique – Bocas del Toro (Panama) – Costa Rica – Mexiko – Kuba – Bermudas – Azoren – Guernsey – Hamburg
Das Projekt High Seas High School ist ein in Europa einzigartiges Schulprojekt.
Wesentlich durch die Hermann Lietz-Schule auf Spiekeroog organisiert und getragen, geht es zurück auf die Ideen der Landerziehungsheime.
Das „Segelnde Klassenzimmer“ verlegt für sechs Monate den Schulunterricht für 30 Schüler und Schülerinnen der 11. Klasse auf ein Traditionssegelschiff: die Thor Heyerdahl, dem Dreimast-Toppsegelschoner aus Kiel.
„Plus est en vous“ – “Entdecke was in dir steckt”, dieser Leitsatz nach Kurt Hahn drückt die Aufforderung aus, die das Projekt darstellt, an jeden einzelnen, aber auch an unsere ganze Gruppe. Auf dem Weg über den Atlantik und in süd- und mittelamerikanische Länder stehen Leben, Arbeiten und Lernen in einer engen Bordgemeinschaft unmittelbar nebeneinander. Seemannschaftliche Ausbildung und schulischer Lernstoff ergänzen sich und lassen neue Perspektiven entstehen, die Reise fordert heraus und schafft Grenzsituationen. Die Fahrt über den Atlantik und in fremde Kulturen wurde für mich und die anderen Schüler nicht nur symbolisch zur “Fahrt ins Leben”.
Niemand fährt hier mit, der Urlaubsfreuden erhofft, oder den man erst überzeugen muss.

Man lebt High Seas High School.
Die erste Station war für uns die Werft in Kiel, wo wir Schüler zusammen mit dem Segelstamm tatkräftig dabei mithalfen, das Schiff für die Reise vorzubereiten. Nach zwei anstrengenden Wochen Werftzeit begann Ende Oktober die erste Etappe unserer Segeltour.
Mehrere Stürme in der Nordsee ließen uns erstmals die harte Seite der See am eigenen Leib erfahren. Ausbildung im Schiffsbetrieb und die Organisation des Alltags an Bord eines Traditionssegelschiffes waren in den drei Wochen bis Teneriffa unsere Aufgaben.

Auf Teneriffa waren die Besteigung des Pico del Teides, dem mit 3718 Metern höchsten Berg Spaniens, und ein Besuch des Thor Heyerdahl – Museums in Guimar spannende Programmpunkte. Nach 20 Tagen, 23 Stunden und 40 Minuten Atlantiküberquerung und Chill-Pause in der Karibik stand in Costa Rica das Erlernen der spanischen Sprache in einer Sprachschule im Mittelpunkt. Da wir in spanischen Gastfamilien untergebracht waren, konnten wir unsere neu erworbenen Kenntnisse dann auch gleich anbringen.
Zwei längere Exkursionen in den Regenwald erlaubten nicht nur Blicke auf die unglaubliche Artenvielfalt, sondern stellten uns auch körperlich auf eine harte Probe.
Auf der Isla Contoy/Mexiko rundete ein Biologieprojekt das Lernprogramm ab, und drei Tage auf dem mexikanischen Festland mit einer Besichtigung der Chichén Itzá/Yucatán, der alten Maya-Stätte, waren ein fantastisches Erlebnis.
Auch der Kontakt mit Kultur und Gesellschaft in den drei Wochen auf Kuba war ein prägender Teil der Reise. Auf den Spuren von Hemingway und Humboldt, mit Che Guevara und kubanischer Kultur bewegten wir uns in den krassen Widersprüchen des Landes und erlebten den morbiden Charme der Säulenstadt Havanna. Anschließend lebten wir eine Woche in einer kubanischen Schule.
Dann ging es wieder zurück auf See, diesmal in den Nordatlantik, wo uns Sturm und Windstärke 11 erwarteten. Nach zwei kurzen Aufenthalten auf den Bermudas und den Azoren erreichten wir schließlich wieder Europa und unsere Heimat.
Das Gefühl bei unserer Heimkehr lässt sich nur schwer beschreiben.
Wir waren zugleich ergriffen und auch stolz auf uns selbst, „unser“ Schiff zweimal über den Atlantik gesteuert zu haben. Wir hatten die Herausforderungen des Projekts gesucht und gefunden, waren zu einer verlässlichen und kompetenten Mannschaft geworden und haben Freunde fürs Leben gewonnen.
Alle sind an dieser Aufgabe gewachsen, haben Charakter gezeigt in vielen Situationen und neue Perspektiven gewonnen auf die Menschen und die Dinge. Wir haben Ängste und Freuden auf dem Meer geteilt, auf Siege und Niederlagen geschaut, monatelang Tag und Nacht einen Großsegler gefahren, in einigen Phasen der Schiffsübergaben sogar tagelang ohne die Hilfe von Kapitän und Stamm das Schiff segeln müssen.
Wir haben die Macht, Gewalt, aber auch immer wieder die beeindruckende und unvergleichliche Schönheit der Natur und des Meeres erlebt, als wir uns durch orkanartige Stürme gekämpft haben, oder als wir bei totaler Windstille und flacher See in mitten des vier Kilometer tiefen Atlantiks herumdümpelten.
Am Anfang war da noch die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor der See, die aber wich, als wir die ersten schweren Stürme auf der Nordsee hinter uns hatten, und unser Kapitän und Eigner des Schiffes Detlef Soitzek uns riet: „Habt Respekt vor der See – Respekt, aber keine Angst.“
Das Schiff war mein Zuhause, unser Zuhause für über sechs Monate. Wir mussten die Herausforderung annehmen, in dieser engen Bordgemeinschaft zu leben, mussten uns mit den eigenen und vor allem auch fremden Gefühlen im Alltag auseinandersetzen. Man konnte vor Streitigkeiten oder Problemen nicht weglaufen oder sie einfach beiseite schieben, man hat Krisen und Ängste gemeinsam bewältigt.
Egal ob Arbeit, Unterricht oder das Miteinander auf dem Schiff: Jeder Tag stellte eine neue Herausforderung dar, mit Problemen fertig zu werden und zu beweisen, in der Gruppe Verantwortung übernehmen zu können, für sich selbst, aber auch für die gesamte Mannschaft.
Das Reisen in fremden Ländern, die Begegnungen mit Menschen und Kulturen, die nicht vergleichbar sind mit denen in Europa, ließen auch hier prägende Eindrücke bei uns Schülern zurück.

Alle haben auf der Reise zum ersten Mal so richtig sich selbst kennen gelernt und sind bis an ihre psychischen und körperlichen Grenzen gegangen. Nach den vielen herausragenden Erlebnissen fiel der der Abschied vom Schiff und den Freunden nach einem halben Jahr in Hamburg schwer: Tränen, Erinnerungen, Freude und Traurigkeit wechselten sich ab. Ich bin wieder zurück… doch eigentlich will ich nicht hier sein, ich will weiter…weiter hinaus aufs Meer.
Das ist High Seas High School!
Empfehlen Sie diesen Artikel weiter: