11 Monate in der Pampa – Austausch in Argentinien
Alles fing mit der Absicht an, ein Jahr ins Ausland zu gehen. Mein Wunschland war damals noch Kanada.
Bei einem Vortrag in der Liebfrauenschule habe ich dann vom Rotary Youth Exchange erfahren, einem Austauschprogramm, das von Rotary International organisiert wird. Ich bewarb mich bei einem der drei Oldenburger Rotary Clubs und bekam Besuch von zwei Mitgliedern, die mich zu meinen Motiven für ein Austauschjahr befragten. Kurze Zeit später wurde ich zur ersten „Orientation“ nach Bremen eingeladen, wo noch einmal über den Austausch informiert und eine CD mit den Bewerbungsunterlagen, sowie ein blaues „Austauschhandbuch“ verteilt wurden. Nach dem Einreichen der Bewerbung wurden alle Bewerber/innen zur zweiten „Orientation“ eingeladen, auf der wir unter anderem Rollenspiele machten, um uns auf Situationen im Ausland vorzubereiten. Vor jener Orientation hatte ich meine drei Wunschländer schon in Finnland, Schweden und ein beliebiges spanischsprachiges Land geändert.

Jetzt hieß es zunächst warten, denn die Bewerbungen wurden in das erste Wunschland verschickt. (Bei mir allerdings nach Schweden, weil es nur einen einzigen Platz in Finnland gab, den ich nicht bekommen hatte.)
Ende März rief dann ein Organisator von Rotary an, um mir mitzuteilen, dass ich leider nicht nach Schweden gehen könne, weil es keine Plätze in Schweden gäbe, da niemand aus Schweden nach Deutschland kommen wolle. Rotary organisiert nämlich einen direkten Austausch, d.h., dass meine Eltern
auch Austauschschüler bei uns zuhause aufgenommen haben, während ich im Ausland war. Ersatzweise bot man mir an, meine Bewerbung nach Argentinien zu schicken. Ich war geschockt. Argentinien?? Ich dachte eine Woche angestrengt nach und entschied mich für das Angebot. Im Juni konnte ich endlich Kontakt zu meiner ersten Gastfamilie aufnehmen, die sehr liebenswürdig erschien.
In Argentinien…
Am 10. August 2005 war es soweit. In Bremen stieg ich mit zwei weiteren Austauschschülern, aber ohne Spanischkenntnisse, in den Flieger und landete einige sehr lange Stunden später in Buenos Aires. Dort traf ich am Flughafen auf meine erste (austauscherfahrene) Gastfamilie. Nach einer Nacht in Buenos
Aires fuhren wir dann los, um endlich mein neues Zuhause kennenzulernen. Der Ort Rojas war klein und doch unübersichtlich: In Argentinien sind die meisten Städte in einem quadratischen Straßensystem angelegt, welches mich durch Einbahnstraßenregelungen fast an den Rand der Verzweiflung brachte. Ein weiteres Problem war, dass mir zu Anfang alle Häuser gleich erschienen. Rojas liegt 300 km westlich von Buenos Aires und ist mit 20000 Einwohnern ein kleines Städtchen im landwirtschaftlichen Herzen der Pampa, so heißt nämlich dieser Landstrich in Argentinien.
Nach anderthalb Wochen Eingewöhnungszeit fing für mich die Schule an. Ich sollte die halbstaatliche katholische Schule „San José“ besuchen und als ich das erste Mal in der Schule war, musste ich mit Ernüchterung feststellen, dass meine Klassenkameraden zu einem Großteil kein Englisch sprachen. Ich wurde von einem Mitschüler sogar mit „I don‘t speaking English“ begrüßt. Aber nichtsdestotrotz fand ich mich in einer sehr, sehr lieben Klasse wieder, die mich sofort als einen neuen Freund aufnahm. Das einzige Problem in den nächsten Monaten war weiterhin die Sprache, auch wenn sich alle größte Mühen gaben mich zu verstehen und ich mich mühte spanisch zu sprechen.
Es war nicht einfach am Anfang, aber mit der Zeit gelang mir die Verständigung immer besser, sodass ich nach den langen Sommerferien (Dezember bis Februar) spanisch sprechend am Unterricht teilnehmen konnte. Das Schulniveau liegt ein Jahr hinter dem deutschen zurück und ist durchaus zu bewältigen, wenn man die Sprache beherrscht. Die Unterrichtsform in Argentinien beschränkt sich hauptsächlich auf Frontalunterricht. Das liegt vor allem daran, dass es in den meisten Fächern keine Schulbücher gibt und somit in einer Doppelstunde Biologie schon mal dreieinhalb DIN A4 Seiten diktiert wurden, bis nicht nur Hirn sondern auch Kugelschreiber glühten.
Fächer wie Mathe, Chemie und Physik waren dank internationaler Begriffe einfacher für mich. Diese drei Fächer, wie auch Erdkunde waren nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen einheimischen Mitschülern wegen der freundlichen Lehrkräfte beliebt. Die Bewohner von Rojas sind sehr offene und warmherzige Menschen. Anders als wir Deutschen nehmen sie sich immer Zeit, sich miteinander auszutauschen und zu unterhalten. Fast jeden Tag verbrachte ich Zeit mit meinen besten Freunden und auch mit meinen Gasteltern, sei es um nur kurz Mate zu trinken.
Mate, hergestellt aus Palmenblättern, ist das Nationalgetränk der Argentinier. Er wird nicht nur getrunken, um den Durst zu löschen, sondern auch, um beisammen zu sein. Mate wird in einem kleinen Gefäß, das mit der Matemischung gefüllt ist, und mit heißem Wasser aufgegossen wird, zubereitet. Alle Beteiligten trinken aus diesem Gefäß und benutzen dabei den gleichen Metallstrohhalm. Jeder leert das Gefäß. Dann wird es neu mit Zucker bestückt und die Blätter werden mit heißem Wasser aufgegossen. Diese ganze Prozedur schafft eine starke Verbundenheit, denn so gibt es immer einen Anlass sich auch nur für wenige Minuten hinzusetzen und sich zu unterhalten.
Wichtig in den meisten Familien ist das gemeinsame Essen. Ein bedeutender Bestandteil eines Austauschjahres ist es, die Kultur und somit auch die Esskultur des Gastlandes kennenzulernen: Argentinien ist ein Fleisch produzierendes, aber auch -konsumierendes Land. So werden beim Grillen für
fünf oder sechs Personen selten weniger als drei Kilogramm Fleisch auf das Rost gelegt. Der Mensch ist ein Gewöhnungstier, aber Argentinien ist sicher kein Land für Vegetarier! Das argentinische Fleisch ist sehr viel schmackhafter als das deutsche Fleisch. Zudem wissen die Argentinier, wie man es fachgerecht zubereitet. Wer also Fleisch nur aus Geschmacksgründen verschmäht, könnte hier durchaus seine Meinung ändern.

Eine große Besonderheit des Austauschs mit Rotary ist das Rotationsprinzip, das heißt, dass man im Regelfall das Jahr in drei verschiedenen Familien verbringt. So war es auch bei mir. Meine erste Gastfamilie, bei der ich von August 2005 bis Januar 2006 lebte, hat drei Kinder: eine 20jährige Tochter, die erst Ende Dezember aus den USA wiederkehrte, einen inzwischen 18jährigen Sohn, der zeitgleich zu meinem Austausch in Neuss war, und eine 15jährige Tochter. Sie war meine erste richtige Gastschwester und hat mir sehr geholfen die spanische Sprache zu erlernen.
Von Januar 2006 bis Mitte Februar 2006 wohnte ich in der zweiten Gastfamilie mit zwei kleinen Geschwistern. Am 12. Februar 2006 zog ich dann zu meiner letzten Gastfamilie, bei der ich bis zum Abflug und somit fünf Monate blieb. Ich hatte auch hier drei Geschwister, die aber alle zuhause waren: einen elfjährigen Gastbruder, mit dem ich mir das Zimmer teilte, eine 16jährige Gastschwester, mit der ich weniger zu tun hatte, da wir beide unterschiedliche Freundeskreise hatten, und eine fünfjährige Gastschwester, mit der ich mich sehr gut verstand.
Meine ersten Gasteltern und mein letzter Gastvater arbeiten in der Landwirtschaft, die in Argentinien viel moderner und stärker auf Profit ausgelegt ist, als bei uns, weil Argentinien als Weltlieferant für Sojabohnen gilt.
Mit meinem letzten Gastvater verbrachte ich viele Stunden auf dem Land, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Wir waren immer an der frischen Luft und draußen in der Natur, aber vor allem hatten wir viel Zeit, uns stundenlang über die verschiedenen kulturellen Aspekte Argentiniens und Deutschlands
zu unterhalten. Mein Gastvater hat mir auf diesen Ausflügen viel über die Landwirtschaft beigebracht. Das alles hat mich sehr beeindruckt, da ich Dinge gesehen und kennen gelernt habe, zu denen ich normalerweise in Deutschland gar keinen Zugang hätte.
Sehr gut gefallen am Austausch mit Rotary hat mir, dass Rotary über das Jahr hinweg dafür sorgte, dass sich die Austauschschüler des Distrikts alle zwei bis drei Monate trafen. Verbindlich für jeden Austauschschüler ist die Teilnahme an den Sitzungen des Clubs. Außerdem erhielt ich wöchentlich Spanischunterricht von einer Englischlehrerin und hatte die Möglichkeit, einmal in der Woche an der städtischen Musikschule Gitarrenunterricht zu nehmen. Zudem organisierte Rotary in meinem Distrikt zwei Rundreisen durch Argentinien. Ich habe an beiden Reisen teilgenommen. Die erste Reise führte mit dem Reisebus in den Süden Argentiniens bis nach Feuerland, um dann durch die Anden Richtung Norden zu fahren und somit alle wichtigen Zonen Patagoniens auf der 9000 km langen Strecke in knapp drei Wochen kennenzulernen.
Die zweite Reise führte uns ein halbes Jahr später in den Norden Argentiniens. Die Strecke war nur halb so lang aber dafür noch reicher an Programm, so dass wir nach zweieinhalb Wochen völlig erschöpft und überwältigt von den Eindrücken zurückkehrten. Nicht nur, dass wir unglaublich viel gesehen und besichtigt hatten, wir hatten uns auch durch verschiedene Klimazonen bewegt. Vom Gletscher Perito Moreno bis zu den Wasserfällen von Iguazu, von der Patagonischen Steppe bis zur rot gefärbten

Wüste im Norden, von den Anden bis Feuerland: Argentinien ist mit 2.766.890 km2 ein riesiges, aber mit 38,5 Millionen Einwohnern ein nur wenig besiedeltes Land, zumal im Ballungsraum Buenos Aires allein rund 12 Millionen der Einwohner leben.
Es ist nicht einfach, die zahlreichen Erfahrungen meines Austauschjahres in einem Bericht zusammenzufassen, da mir eine sachliche Distanz zu den ganzen Ereignissen zur Zeit noch fehlt. Mit jeder Zeile, die ich hier schreibe, fallen mir etliche Details ein, die ich in meinen Erinnerungen gespeichert habe. Ich habe mich in Argentinien sehr zuhause gefühlt und wurde wirklich unglaublich nett behandelt. Es ist schwer zu beschreiben, wie man ein „ganz normales“ Leben führt, bloß eben im Ausland, wie man zu einem ganz normalen Familienmitglied wird, mit allen Pflichten und Rechten, wie man auf einmal Oma und Opa auch im Ausland hat und diese einen behandeln wie einen „echten“ Enkel, dir Süßigkeiten anbieten, wenn du gerade vorbeikommst. Ich glaube, das war das Schönste an meinem Austausch, also nicht die Süßigkeiten, sondern, dass ich mich wirklich geborgen gefühlt habe und gespürt habe, wie diese Menschen mich in ihr Herz geschlossen und wie einen Sohn, Bruder, Cousin, Enkel oder sehr guten Freund behandelt haben.
Letztendlich ist es nicht entscheidend, in welches Land man reist. Die größte Herausforderung ist es, sich gut zu integrieren und heimisch zu fühlen, in einem neuen Umfeld und einer fremden Kultur.
Wenn du dich also für einen Austausch interessierst, sei es in Argentinien oder mit Rotary, dann sprich mich am besten einfach an.
Philip Bernert, Juli 2006