Die Schule war sehr viel einfacher als in Deutschland. Ich habe die höchstmöglichen Klassen gewählt, teilweise auf College Niveau, und war trotzdem besser als die meisten meiner Mitschüler. Fast alle Arbeiten bestanden aus Multiple-Choice oder Matching Fragen. Hausaufgaben musste man immer abgeben, aber mündliche Mitarbeit zählt überhaupt nicht, so dass ich nach einiger Zeit meine Hausaufgaben halt im Unterricht gemacht habe. Und während der ersten Klasse, in der wir jeden Tag Geschichtsfilme geguckt haben, konnte man so einiges an Schlaf nachholen.
Ich war senior, also in der Abschlussklasse. Natürlich bin ich zur Prom gegangen, die zwar nicht so ist wie im Fernsehen, aber trotzdem toll.
Ich habe den senior prank mitgemacht. Dafür sind wir mitten in der Nacht vor dem letzten Schultag zur Schule gefahren und haben Fenster angesprayt (mit wasserlöslicher Farbe), überall Klopapier verteilt usw. Es kam sogar die Polizei, doch nur, um uns zu erschrecken, in so einem Ort kennt eben jeder jeden. Ich durfte an der Graduation teilnehmen und habe sogar mein Diplom erhalten. Und als senior hatte ich zwei Wochen eher Ferien als alle anderen.
Der Tiefpunkt meines Austauschjahres war im Dezember. Ein Freund von mir, den ich aus dem Spanischunterricht kannte, ist durch einen Autounfall auf dem Weg zur Schule gestorben. Unser Schulleiter hat es natürlich sofort jeder Klasse mitgeteilt und die ganze Schule befand sich in einer Art Schockzustand. Lehrer und Schüler – alle haben sich in den Armen gelegen und geweint, selbst die härtesten Footballspieler. Das schrecklichste war, jeden Tag in den Unterricht gehen zu müssen und der Platz neben mir war leer. In dieser Zeit habe ich ganz schönes Heimweh bekommen, doch ich hatte viel Unterstützung durch meine Trainerin und meine Freunde. Nach den Weihnachtsferien war wieder etwas mehr Normalität eingekehrt. Doch dann waren wir inmitten eines Volleyball- Tournaments, als jemand aus meinem Team erfahren hat, dass ihr Bruder gestorben ist. Ihre Mutter war auch da zum Zuschauen. Der Bruder war als Soldat im Irak, hatte diesen überlebt und befand sich gerade auf dem Heimweg, als er, schon wieder in den USA, von einem Betrunkenen tödlich angefahren wurde.
Ich bin auch auf diese Beerdigung gegangen und da er bei den Marines war, war sie natürlich besonders patriotisch gehalten mit aufgereihten Soldaten und Kanonenschüssen. Aber auch ansonsten habe ich viel Patriotismus erlebt. Dabei haben alle Amerikaner, mit denen ich darüber geredet habe, volle Unterstützung für ihre Truppen gezeigt, aber nicht die Politik unterstützt. Sowieso konnte man in meiner Gegend kaum einen Unterstützer von Bush finden.
Während meines Jahres konnte ich viele Reisen mitmachen. Mit der National Honor Society (eine Schulgruppe, für die man sich qualifizieren muss und die ehrenamtliche Arbeit macht) bin ich nach Chicago gefahren. In Detroit war ich einmal mit einem Lehrer und einmal mit meiner Gastfamilie. Zusammen mit meiner besten Freundin habe ich einen Tagestrip nach New York City gemacht. Meine Volleyballtrainerin hat mich über Sylvester mit nach Minnesota und in den Frühlingsferien nach Florida genommen. Meine Leichtathletik Trainerin nahm mich mit in ihre Ferienwohnung an einen der Seen in Michigan und nach Mackinac Island (eine Insel, auf der es keine Autos gibt). Außerdem war ich mit meinem Cross Country Trainer (der gleichzeitig mein Geschichtslehrer war) und einigen anderen Schülern in Washington DC auf einer Bildungsreise, und dann am Ende des Jahres noch einmal dort für ein Abschlusstreffen mit meiner Organisation. Ich kann es nur jedem empfehlen, so viel wie möglich zu reisen, denn dabei lernt man so viele interessante Menschen kennen und kriegt ein breiteres Bild von der USA. Es ist auch nicht sehr teuer, wenn man eben Leute kennt oder „Fundraiser“ (Geldsammeln, z.B. von Geschäften und Vereinen) macht.
Nun kann ich gar nicht glauben, dass ich schon wieder hier bin. Alles ist so schnell vorbeigegangen und mein Auslandsjahr kommt mir beinahe wie ein Traum vor. Ich hätte es nicht gedacht, doch mir fällt es schwieriger wieder hier zu sein als es war, neu in den USA zu sein. Ich vermisse die offene Art der Leute, die Freundlichkeit, die Schule mit dem Sport und dem school spirit, das Wetter und natürlich über allem meine Freunde. Die Kühlschränke, Autos, Straßen und Läden kommen mir so klein vor, ich muss wieder mit dem Fahrrad fahren anstatt überallhin mit dem Auto zu kommen, aber ich kann anstatt jedem Tag Fast Food auch wieder vernünftig essen. Ich hatte für ein Jahr ein ganz eigenes, neues Leben und darüber könnte ich noch so viel schreiben. Etwas mehr zu lesen gibt es unter
http://www.thomaskossendey.de/aktuelles/Aktionen/ppp_jennifer_filpe.htm .
Bleibt nur zu sagen: Jeder, der es irgendwie machen kann, sollte auf jeden Fall an einem Austauschjahr teilnehmen – sei es nun in die USA oder in irgendein anderes Land. Man lernt mehr, als einem Schule jemals beibringen könnte. Und wenn ihr da seid: macht so viele Sachen wie möglicht. Ob es nun Sport ist, Theater, andere Clubs, ehrenamtliche Arbeit, Kirche oder, oder … es wird ein unvergessliches Jahr werden!
Empfehlen Sie diesen Artikel weiter: