“Hier in Deutschland ist alles so stressig. In Frankreich ist das Leben viel gemütlicher…”
So stellte mir kurz vor meiner Abreise eine Auslandsrückkehrerin ihren Eindruck von Frankreich dar. Kaum zu glauben, wo die französische Schule doch so streng und arbeitsaufwendig sein soll! Dennoch könnte man ein Auslandsjahr in Frankreich nicht besser beschreiben; zwar muss man durchaus auch pauken und es kann zwischendurch recht anstrengend werden, aber im grossen Ganzen spürt man doch die ruhigere und gemütlichere französische Lebensweise…
Doch als ich in Frankreich ankam, wusste ich nichts von alldem. Tausend Gerüchte und Berichte vermischten sich mit abertausend Fragen… Ist meine Gastfamilie nett? Meine Mitschüler? Die Lehrer? Verstehe ich nach zwei Jahren Französisch überhaupt ausreichend, um mich zu verständigen…?

Am Mont St Michel
In meinem Fall war die Antwort auf all diese Fragen glücklicherweise: Oui. Trotzdem fühlt es sich zunächst recht seltsam an, ganz allein und verlassen in einer Gastfamilie, die man noch nicht einmal wirklich kennt, gestrandet zu sein. Aber man gewöhnt sich bald daran, schliesslich gibt es reichlich Gesprächsthemen, um sich kennenzulernen. Das Gastgeschenk ist übrigens ebenfalls ein prima Gesprächsfunken; so klischéhaft es auch klingen mag, deutsche Spezialitäten sind wohl wirklich die beste Idee. Gutes deutsches Bier scheint besonders beliebt zu sein; kein Wunder, da französisches Bier schrecklich schmeckt.

Meine Gasteltern
Ausserdem muss man natürlich die neue Umgebung erkunden! In diesem Sinne kann ich die meine Gaststadt Saint Malo in der Bretagne wirklich nur empfehlen: Man befindet sich nicht nur in der unmittelbaren Nähe von der wunderschönen, wilden Küste von Cancale, von dem mittelalterlichen Dorf Dinan, von dem berühmten Mont Saint Michel und von der belebten Stadt Rennes, sondern hat auch mitten in der Stadt von Saint Malo die beeindruckende Altstadt intramuros, die zwar im zweiten Weltkrieg zerstört, seitdem aber wieder aufgebaut wurde, und die ich praktischerweise jeden Morgen bewundern konnte, da meine Schule sich in ihrer Mitte befand.

Eglise St Michel
So viel zum Sightseeing. Man muss sich natürlich auch an das Alltagsleben gewöhnen, aber keine Sorge; die französischen Sitten sind einfach nur liebenswert, und man gewöhnt sich sehr schnell daran: Das allgegenwärtige Brot als Beilage zum Essen, den berühmten Aperetif, die kultigen Wangenküsschen zur Begrüssung, und so weiter. Nach und nach entdeckt man dann auch die verschiedenen Ticks seiner Gastfamilie; so stellte ich zum Beispiel rasch fest, dass man es tunlichst vermeiden sollte, in Gegenwart von meiner Gastmutter linksgerichtete Parteien zu erwähnen…

Wildnis der Bretagne
Wie dem auch sei, man gewöhnt sich an die neuen Sitten, lernt seine Gastfamilie immer besser kennen und lebt so gemütlich vor sich hin. An dem Tag, an dem man vergisst, Fotos für die Freunde und Familie daheim zu machen, weiss man, dass man sich entgültig an die neue Umgebung gewöhnt hat.
Die Sprachkenntnisse kommen auch ziemlich von selbst. Als allererstes lernt man natürlich die Schimpfwörter; dann gewöhnt man sich alle negativen Spracheigenschaften an, die in der Umgangssprache üblich, aber im deutschen Französischunterricht strengstens verboten sind: Man lässt das ne von ne pas weg, hängt quoi an das Ende jedes zweiten Satzes und bildet liaisons mit tu. Erst danach ist man bereit, die eigentliche Sprache korrekt zu lernen…
Die neu errungenen Sprachkenntnisse kann man dann ja praktischerweise auch gleich anwenden, um französische Bücher zu lesen. Ich weiss nicht, ob die Bücher, die in der französischen Schule durchgenommen werden, immer so interessant sind, oder ob meine Französischlehrerin einfach nur einen sehr guten Geschmack hatte, aber auf jeden Fall waren unsere oeuvres intégrales äusserst angenehm zu lesen, und am Ende des Schuljahres stand ich nicht nur mit recht umfangreichem Wissen über die Philosophen der Aufklärung, Autobiographien und moderne Poesie da, sondern nebenbei auch noch mit einer neuen Lieblingsautorin, Amélie Nothomb, und reichlich Freizeitlektüre.
Überhaupt hatte ich in der Schule grosses Glueck; meine Klasse war äusserst schnuffig. Freundliche Aufnahme des lieben kleinen Ausländers, kaum Gruppenbildung,… So ziemlich alles, was man sich wünschen kann. Die Lehrer waren ebenfalls sehr lieb, auch wenn man das im Unterricht kaum zu spüren bekommt: Man kommuniziert recht wenig mit den Lehrern, da es sich bei dem französischen Unterricht in der Tat um hundertprozentigen Frontalunterricht handelt; das Lehrerpult steht sogar auf einer erhöhte Plattform.

Meine Englisch- und meine Französischlehrerin
Ausserdem gibt es in französischen Schulen diesen goldigen Brauch, der sich repas de classe nennt: Am letzten Schultag vor den Ferien geht die ganze Klasse abends gemütlich in einer Pizzeria oder ähnlichem essen. Danach treffen sich alle Schüler der ganzen Schule am Strand, um auf die Ferien anzustossen. In gemässigtem Masse, natürlich… Ein Brauch, der vor allem am Anfang des Auslandsaufenthalts äusserst praktisch ist: Beschwüpste Franzosen haben so ungefähr das gleiche Vokabular wie ein frisch angekommener Austauschschüler.



Solch angenehme Bräuche gibt es also in Frankreich. Die repas de classe sind aber natürlich nicht die einzigen Gelegenheiten, um ausgiebig zu feiern: Da gibt es noch die fete de la musique, den Beginn der route du rhum in Saint Malo, und vieles mehr. Aber der ruhige Fluss des Auslandsjahres kann auch von anderen Ereignissen unterbrochen werden: Zum Beispiel entschieden sich meine Gasteltern, die Osterferien in Kuba zu verbringen, und ich musste dementsprechend zwei Wochen lang in einer anderen Gastfamilie untergebracht werden, die aber glücklicherweise genauso nett wie meine eigentliche Gastfamilie war. Weniger angenehm war der Diebstahl meines Fahrrads im April. Aber meine Gasteltern haben mir netterweise für den Rest meines Aufenthalts ein anderes Fahrrad leihen können; und um das Ganze positiv zu sehen hatte ich so immerhin die Möglichkeit, ein paar juristische Ausdrücke auf Französisch zu lernen…

Besuch bei meiner zweiten Gastfamilie
Aber solch eher ungewöhnliche Ereignisse beiseite, gewöhnt man sich im grossen Ganzen einfach an das französische Alltagsleben und lebt ruhig vor sich hin: Man macht viele tolle Erfahrungen, lernt eine andere Kultur kennen, findet neue Freunde, wird selbstständiger, und so weiter; aber all das kann man nicht wirklich beschreiben, man muss es einfach selbst erleben. Daher kann ich ein Auslandsjahr nur von ganzem Herzen empfehlen. Vive la France!
Jens Theilen
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