Altes Gymnasium Oldenburg

Miriam Fresenborg in Arkansas

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Nach langen Diskussionen mit meinen Eltern, langem Durchforsten des Austauschorganisationendschungels, stundenlangem Ausfüllen von schriftlichen Materialien, einem langatmigen Informationstreffen und einer wirklich sehr langen Reise mit Hindernissen in die USA konnte ich am 7. Januar endlich meine Gastfamilie, die ich ja schon vom Papier her kannte, in die Arme schließen.Reise mit Hindernissen übrigens deswegen, weil mein Flugzeug von London nach Chicago so verspätet war, dass ich den Anschlussflug nach Little Rock nicht mehr bekommen konnte, es spät nachts war, ich aufgrund meines Alters kein Hotelzimmer bekam und so eine Nacht in einem Büro des Flughafens zubringen durfte, was aber auch ganz interessant war, denn ich konnte gleich ein bisschen in Englisch mit dem Bodenpersonal plaudern.

Naja, gleich nach meiner Ankunft sind wir frühstücken gegangen, mein Gastvater redete pausenlos auf mich ein und mir fiel auf, wie breit die Straßen waren und im Restaurant fiel mir auch auf, wie viele dicke Menschen dort saßen. Ich dachte: Es stimmt also, was man über die Amis und Dickleibigkeit sagt…

Gleich nach meiner Ankunft durfte ich auch schon Bekanntschaft mit den ATVs (= all-terrain vehicles) meiner Gastfamilie machen- mir wurde kurz meine neue Umgebung gezeigt, die für mich erst mal erschreckend ländlich wirkte.

Als ich meinen Gastvater mal darauf ansprach, wie groß denn der Ort sei, in dem sie wohnten, sagte er nur :“Don´t blink,“ und lachte. Fakt ist, ich wohnte in einem Örtchen namens Centerville, welches ungefähr 1180 Einwohner hat und im Landkreis Yell County liegt. Der nächstgrößere Ort heißt Russellville und ist ca. 15 Meilen von Centerville entfernt. In meiner High School wurde ich als senior eingestuft und gleich sehr freundlich empfangen. In US History durfte ich des Öfteren über Deutschlands Geschichte erzählen und auch in Health wurde ich über die Essgewohnheiten der Deutschen ausgefragt. Manchmal war der Unterricht etwas langweilig, da wir oft einfach Dinge mitschreiben mussten und mündliche Mitarbeit nicht erwartet wurde; in dem Fach Drama durfte ich aber z. B. oft Monologe auswendig lernen und sie dann zum Besten geben. Woran ich mich anfangs besonders gewöhnen musste, war das Essen – sowohl in meiner Gastfamilie als auch in der Schulcafeteria. Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Frühstück: Ein seltsames Müsli mit Marshmellows (= Mäusespeck) – es schmeckte furchtbar künstlich. Beim Mittagessen habe ich irgendwann aufgehört zu erwarten, man bekäme Messer und Gabel. Das höchste der Gefühle war eine Plastikgabel und auch in meiner Gastfamilie wurde es mit den Esssitten ganz locker genommen. Womit man es jedoch nicht ganz so locker nahm, war der sonntägliche Kirchgang und auch Schimpfwörter und Flüche, die ich ja nur allzu gern benutz(t)e, wurden mit verächtlichen Blicken meiner Gastmutter geahndet. Meine Gastfamilie ging zur Baptistenkirche und so durfte auch ich Bekanntschaft mit einer Gemeinde machen, die nicht netter hätte sein können. Alle waren total begeistert, jemanden aus Germany als Gemeindemitglied willkommen zu heißen und behandelten mich gleich wie eine neue Freundin. Erst war ich etwas erstaunt, als in der Kirche auch mal eigene Versionen von country songs präsentiert wurden und statt Orgelspiel gab es oft Mundharmonikaspiel. Oft bin ich auch noch mittwochs zur Kirche einer meiner Freundinnen gegangen, wo man mich scheinbar auch schon sehnsüchtig erwartet hatte.

Die meisten amerikanischen Jugendlichen, die ich kennen gelernt habe, waren unheimlich involviert in ihre Gemeinde und die Kirche war für sie auch ein riesiger sozialer Treffpunkt, wo man Spaß haben konnte.

Am Anfang meines Amerikaabenteuers kam dann der Wintereinbruch – zwei Zentimeter Schnee höchstens und sofort gab es schulfrei und alle Geschäfte schlossen – auf so etwas war man nicht vorbereitet. Dass ich bei solchem Wetter hier in Deutschland mit dem Rad zur Schule fahre, hat alle sehr schockiert…

Im Winter durfte ich meinen Gastvater auch zur Jagd begleiten – für mich war es eigentlich nur sehr kalt, spannungsarm und außer einem kleinen Vogel hat sich kein Getier gezeigt. Als wir uns danach aber alle um den Kamin herum platzierten, Tee tranken und uns Geschichten erzählten, war es sehr schön.

Natürlich brauchten wir für den Kamin auch Kaminholz und so durfte ich beim Baumfällen und Zerkleinern helfen, was sich als sehr anstrengend herausstellen sollte. Manchmal fühlte ich mich an Obelix erinnert, nur dass wir anstelle von Hinkelsteinen Baumstämme schleppen mussten.

Im März war es dann Zeit für spring break und das hieß, wir sollten mit dem Auto nach Illinois fahren. Durch Arkansas und Missouri fuhren wir also in Richtung Peoria, wo die Verwandten meiner Gastmutter uns schon erwarteten. In Illinois war es auch, wo ich die riesigen shopping malls kennen und lieben gelernt habe. Auf unsere Rückreise aus Illinois haben wir einen Zwischenstopp in St. Louis eingelegt, wo ich den 192 Meter hohen Gateway Arch bewundern und betreten durfte, der Teil des Jefferson National Memorial ist, welches u. a. an die Besiedlung des amerikanischen Westens erinnert.

Mitte April liefen dann die Vorbereitungen für das auf Hochtouren, was man ja schon oft in amerikanischen Filmen gesehen hat: Für den Abschlussball Prom. Dates wurden gesucht und meine Freundinnen und ich begaben uns auf Kleidersuche. Es gab übrigens unglaublich viele quietschbunte, aufgebauschte Kleider, bei denen so mancher Deutsche nur gesagt hätte: “Das ist jetzt aber ein bisschen zu viel des Guten.“ Dass es bei den Amerikanern schon mal etwas kitschiger sein darf, habe ich schon am Valentinstag gemerkt: Nicht nur Verliebte schenkten sich etwas, sondern auch unter Freunden wurden Unmengen von Dingen verschenkt. Die ganzen hallways meiner Highschool waren gefüllt mit Luftballons und übers intercom wurden ständig Schüler ausgerufen, die noch Ballons und Süßigkeiten abholen sollten. Nach der Schule kam ich dann auch voll bepackt mit Süßigkeiten und Ballons nach Hause und mein Gastvater wollte gleich wissen :“So, who´s your sweetheart?“

Am Promtag hat sich meine Gastmutter, die früher Frisörin war, meines Stylings angenommen und als es dann abends zum Essen losging, war ich wahrscheinlich so herausgeputzt wie noch nie in meinem Leben, aber auch meine Mitschüler scheuten keine Kosten und Mühen, das Beste aus ihrem Aussehen herauszuholen, so dass man einige am Abend des Balls gar nicht mehr wieder erkannte. Es wurden Unmengen von Fotos gemacht, getanzt natürlich auch (auch zu Countrymusik), aber so romantisch wie in den Hollywoodfilmen war die ganze Szenerie nun wirklich nicht; das ganze Drumherum um den Ball erschien mir spannender als der Tanz selbst.

Bald fing auch die Arbeit im Garten an und wir brachten unser Boot auf Vordermann, um damit in See stechen zu können. Dann kam auch die Zeit, in der eines unserer drei Schweine geschlachtet werden sollte. Für mich als Tierfreundin war das unvorstellbar und dann sagte mein Gastvater auch noch: “Once you taste it, you´ll see that it´s better than the meat you buy in the supermarket.“ Zum Glück musste ich nicht mit ansehen, wie Belly Bacon – so hieß das Schwein – geschlachtet wurde, aber Teile davon wurden mir serviert. Zu allem Überfluss wurden dann auch noch – extra für mich – Grunzgeräusche beim Essen von einigen Familienmitgliedern gemacht…

Ein weiteres Erlebnis sollte die Begegnung mit den Eltern meines Gastvaters werden, die sich als mit die warmherzigsten und gastfreundlichsten Menschen herausstellen sollten, die ich während meines USA-Aufenthalts kennen lernen durfte. Sie besuchten uns Anfang Mai und nach ein paar Tagen kamen sie einfach auf mich zu und sagten: „You come and stay with us. We are going to show you New York City.“ Ich traute meinem Ohren kaum – damit hatte ich nicht gerechnet, doch nach Graduation, wo ich in cap and gown mein Diplom in Empfang nahm, durfte ich nach New Jersey fliegen und wohnte für einige Zeit bei meinen amerikanischen Großeltern, die mir Atlantic City mit den riesigen Spielcasinos zeigten und mit mir einen Ausflug nach Philadelphia machten, wo ich dann u.a. die Liberty Bell sah. Meine Gastgroßmutter arbeitete in einem Trailer auf einem Gelände, auf dem Soldaten für den Einsatz im Irak trainiert wurden und ich durfte sie einmal zur Arbeit begleiten. NYC wurde mir dann auch noch gezeigt und nach einer traumhaften Woche, die wie im Fluge verging, ging es auch schon wider nach Arkansas.

Langsam begann Abschiedsstimmung in der Luft zu liegen – wir gingen noch ein paar mal u. a. Welse fischen, die wir auch ausnahmen, filetierten und dann aßen. Mein Gastvater erzählte noch ein paar seiner Air Force Storys, ich unternahm etwas mit meinem amerikanischen Freunden und dann kam der Tag, an dem wir Abschied nehmen mussten. Ziemlich lange standen wir – das waren meine Gastfamilie, meine Freunde und ich – vor der Sicherheitskontrolle herum und mein Gastvater bemerkte :“No one wants to say goodbye.“ Nach vielen Tränen, einem letzten: “Take care,“ und vielen Stunden im Flugzeug war ich auch schon wieder in Deutschland. Manchmal erscheinen mir die ganzen Amerikaerlebnisse, die ich hatte, wie ein Traum – für fünf Monate führte ich ein ganz anderes Leben und plötzlich wird man wieder in sein altes Leben zurückgeworfen, aber gefüllt mit der Gewissheit, dass, egal wo man ist, es immer Menschen gibt, die einem helfen, seine Lebensträume zu verwirklichen und einen auf wundervolle Weise bereichern. Ich denke, Austausch ist manchmal Glückssache, Abenteuer und das Gelingen hängt von vielen Faktoren ab; für mich kann ich auf jeden Fall sagen, dass Arkansas nicht mehr nur ein Fleck auf der Landkarte ist, sondern ein Ort, der mit Erinnerungen verbunden ist, die ich nicht missen möchte.

Miriam Fresenborg

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