Altes Gymnasium Oldenburg

Miriam Liedtke in Ohio

“Welcome to our home!” Mit dieser herzlichen Begrüßung hat meine Gastmutter mir am Flughafen Dayton, Ohio nicht nur die Nervosität und Aufgeregtheit, die mich auf meinem Weg von Bremen bis in die Vereinigten Staaten begleitet hatten, genommen, sondern auch Hoffnungen auf ein spannendes und interessantes Auslandsjahr gemacht.
Erst einmal, mein Name ist Miriam und ich bin vor gut zwei Wochen aus Bradford, Ohio, wo ich mein Auslandsjahr verbracht habe, nach Deutschland zurückgekehrt. Die Erinnerungen sind noch frisch, mein Enthusiasmus der ganzen Welt von meinen tollen Erfahrungen zu erzählen groß und mein Wortschatz (leider) immer noch voller englischer Wörter. Ich werde nun von meinen zehn Monaten in den Vereinigten Staaten berichten, um auch andere zu ermutigen, diesen großen Schritt Richtung Selbstständigkeit zu machen.
Am Ende der neunten Klasse habe ich von Freunden gehört, die sich doch tatsächlich getraut hatten, ihr Alltagsleben, ihre Familien und Freunde zu verlassen, um im Ausland für ein Jahr zu leben, Freunde zu finden, Erfahrungen zu sammeln und um letztendlich ein wenig erwachsener zu werden. Wie habe ich sie bewundert, diese Freunde, und dachte mit Ehrfurcht, dass ich so etwas nie im Leben schaffen könnte. Ich erinnerte mich an’s Ferienlager vor einem Jahr in dem ich schon nach zwei Wochen ein wenig Heimweh bekommen hatte. Wie sollte ich es denn ein Jahr aushalten?
Doch nach ein wenig Überlegung und vor allem viel Informationsmaterial durch die Schule, aber auch durch Erfahrungsberichte ehemaliger Austauschschüler verwandelte sich meine anfängliche Ablehnung der Idee zu purer Begeisterung. Die englische Sprache perfekt sprechen zu lernen, Freundschaften in einem fremden Land schließen zu können, die durchaus ein Leben lang halten könnten, eine völlig andere Kultur und Lebensweise kennenlernen zu dürfen, mein Selbstbewusstsein stärken…all diese Möglichkeiten konnte ich mir doch nicht entgehen lassen!
Ich forderte Bewerbungsunterlagen von diversen Organisationen an, füllte unzählige Bögen aus, ließ mich gesundheitlich komplett durchchecken, ließ mir Empfehlungsschreiben von Lehrern und Freunden schreiben und wurde schließlich von der Organisation EF zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich wurde als geeignet befunden und der Vertrag unterschrieben. Meinem Traum stand nun nichts mehr im Wege.
Die Freude war groß, die Ungeduld noch größer und… nun ja, viel zu tun hatte ich immer noch. Ein Reisepass und eine Reise nach Berlin zur Beantragung des nötigen Visums mussten her. Obwohl dies notwendig für den Beginn meines Abenteuers war, dachte ich nicht das alles schon in Deutschland mit einem Abenteuer beginnen würde: Denn auch nachdem wir vor der Amerikanischen Botschaft in Berlin aus dem Taxi ausgestiegen sind, befanden sich die wichtigen Unterlagen noch warm und trocken im Kofferraum des sich immer weiter entferndenden Taxis. Ein paar Telefonate und akute Nervenzusammenbrüche später stand das Taxi samt den in der Aufregung vergessenen Unterlagen wieder vor uns, und alles ist noch einmal gut gegangen.
Anfang 2006 flatterte ein Brief von EF in’s Haus, der für große Aufregung sorgte. Der Brief enthielt Name, Adresse und viele weitere Informationen über meine zukünftige Gastfamilie. Es stellte sich heraus, dass ich in Bradford, Ohio, ein Dorf mit ca. 2000 Einwohnern, leben und die Bradford High School besuchen würde. Sofort baute sich ein reger e-mail Kontakt mit meiner Gastmutter auf und ich erfuhr mehr über die Menschen, mit denen ich für zehn Monate unter einem Dach leben würde.
Der letzte Monat in Oldenburg brach an, und der wurde noch einmal ordentlich ausgenutzt, um Freunde zu treffen, mich von meiner Familie zu verabschieden, die letzten Dinge zu besorgen und natürlich Abschiedsparties zu feiern. Und dann war es auch so weit. Früh am Morgen des 16. August 2006 befand ich mich zusammen mit meinem Vater auf dem Weg zum Flughafen in Bremen. Dort traf ich ein Mädchen aus Leer, das in dieselbe Stadt wie ich fliegen wollte.Somit war ich jedenfalls nicht ganz alleine.
Der Abschied von meiner Familie fiel mir leichter als gedacht; in Gedanken war ich auch schon gar nicht mehr zu Hause in Deutschland, sondern schon in meinem neuen Leben in Amerika.
Der Flug war zu zweit alles andere als langweilig und wir hatten viel Zeit, unsere Ängste und Erwartungen zu teilen und uns gegenseitig Mut zu machen. Als wir nach drei Stunden Wartezeit am Flughafen Dulles in Washington in das Flugzeug stiegen, das uns endgülitg zu unserem ersten Treffen mit unseren Gastfamilien bringen sollte, hatten wir schon einen langen Tag hinter uns, und trotzdem war von Müdigkeit keine Spur. Zu groß war die Aufregung. In Dayton, Ohio angekommen, liefen wir zusammen den Menschen entgegen, die unseren Auslandsaufenthalt eigentlich erst möglich machten, unseren Gastfamilien.

Meine Gastmutter begrüßte mich mit einem selbstgemachten Plakat, einem Teddybär und einer herzlichen Umarmung. Die Koffer wurden abgeholt und dann saß ich auch schon in Nancy’s Auto auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause. Auf der gut einstündigen Fahrt hatten wir uns viel zu erzählen und das Englisch ist mir leichter gefallen als gedacht. Zuhause wurden die restlichen Familienmitglieder begrüßt und dann hieß es für mich Bedtime.

Schon am nächsten Tag sollte ich die Band teffen. Dazu muss ich vorweg erzählen, dass Nancy mich schon im voraus bei der Bradford Marching Band angemeldet hatte. High School Marching Bands spielen bei Footballspielen, um erstens das Team anzufeuern und um die Besucher während der Halbzeit zu unterhalten. Außerdem gibt es sogenannte Marching Band Competitions, bei denen die Bands verschiedener Schulen gegeneinander antreten und von einer Jury bewertet werden. “Meine” Band hat sogar als kleinste Band mit 30 Mitgliedern (als Vergleich gab es Schulen mit über 200 Bandmitgliedern) die Bestnote bei der größten Competition, in der die besten Bands aud ganz Ohio angetreten sind, erreichen können.

Ich war natürlich aufgeregt, schon an meinem ersten Tag in Amerika einige meiner Mitschüler kennen zu lernen und ich habe mich gefragt, ob sie mich mit meinem noch unsicherem Englisch verstehen würden. Doch alle Sorgen waren unbegründet. Die Gleichaltrigen haben sich sehr für mich interessiert und mich sofort aufgenommen und mir alles gezeigt. Mein Auslandsjahr hatte gut begonnen.
Mein erster Schultag kam und ich wurde schon in den Gängen von mir unbekannten Schülern begrüßt. Natürlich wusste jeder in der kleinen Schule von der deutschen Austauschschülerin. Ich wurde gut aufgenommen, Lehrer uns Schüler haben mir geholfen wenn ich nicht mehr weiter wusste und erste Freundschaften hatte ich auch schon geschlossen. Besonders die Freizeitangebote der Schule machten es einfach, neue Leute kennen zu lernen. Ich war im cross country team, spielte in der marching-, so wie pep band, und war track managerin.
Zwei Wochen nach mir kam noch ein deutscher Austauschschüler, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe. Wir haben uns gegenseitig aufgebaut und Erfahrungen geteilt – alles auf Englisch.
Nach einem Monat kehrte Alltag ein und ich habe gar nicht mehr an Deutschland gedacht. Meine Gedanken und Träume waren auf Englisch. Meinen deutschen Akzent habe ich so gut es geht abgelegt, da einige Amerikaner mir sagten, sie wären nie auf den Gedanken gekommen, dass ich gar nicht in ihrem Land aufgewachsen bin.
Die Lebensweise der Amerikaner ist auf dem ersten Blick gar nicht mal so unterschiedlich von der, die wir in Deutschland kennen, doch beim näheren Hinsehen ergeben sich schon einige Unterschiede. Erst einmal wurde in meinem Dorf überhaupt kein Fahrrad gefahren. Sogar für kleinste Strecken wurde das Auto genommen. In Oldenburg dagegen sind sie Fahrräder gar nicht weg zu denken. Auch insgesamt wurden in meinem Ort eher konserative Ansichten bezüglich Kleidung, der Beziehung zwischen Mädchen und Jungen und der Erziehung von Kindern vertreten. Die Vielfalt der Fastfoodketten in Amerika ist schier unglaublich. Wendy’s, Taco Bell, Waffle House etc. vermisse ich jetzt schon!

Ich habe zahlreiche Ausflüge unternommen. Ich bin nach Indianapolis gereist, habe Michigan besucht, wo ich auch meine Freundin aus Deutschland getroffen habe, habe einen Trip nach Chicago gemacht, einen Tag in San Francisco und eine Woche auf Hawaii verbracht. Die Reisen nach Chicago, San Fran und Hawaii waren zusammen mit anderen Austauschschülern aus aller Welt, was auch sehr unteressant war, da wir uns alle gut verstanden haben, da wir ja gewissermaßen Ähnliches erlebten.

Die Monate vergingen wie im Flug und Bradford ist mein zweites Zuhause geworden. Mit meiner Gastfamilie habe ich mich mal mehr mal weniger verstanden; wie eine ganz normale Familie nun mal so ist.

Als auch dort der letzte Monat anbrach, konnte ich gar nicht glauben, dass die Zeit so schnell vergangen war. Meine Freunde zu verabschieden war sehr schwer, da ich wusste, dass ich einige nie wieder sehen würde, doch es wird immer die schöne Erinnerung an die tolle Zeit miteinander bleiben. Nicht ohne Wehmut habe ich mich auf die Rückreise von meinem Abenteuer begeben.

Jetzt nun, als ehemalige Austauschschülerin, kann ich jedem, der die Chance hat, ein Jahr im Ausland zu verbringen, nur dazu ermuten, diese auch zu ergreifen. Natürlich wird es auch schwerere Zeiten im Ausland geben, doch gerade diese stärken das Selbstvertrauen. Allein der Stolz auf sich selbst, den man verspürt, wenn man es geschafft hat sich ein Jahr fern von Familie in einem fremden Land zu beweisen, ist es wert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Ich muss sagen, dass mir das Auslandsjahr sehr viel gebracht hat. Ich fühle mich selbstständiger, mein Englisch hat sich um einiges verbessert und ich habe nun Freunde aus der ganzen Welt.


Prom


Prom


Palme und ich


Hawaii


Hawaii


Hawaii


Die Gruppe


Deutsche Austauschschüler


Bradford


San Francisco


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