Schon immer hatte ich daran gedacht, dass es für mich interessant wäre, eine längere Zeit im Ausland zu verbringen. Ich informierte mich über verschiedene Organisationen und Länder, und generell darüber, wie so ein Austausch denn so ist. Die Länderwahl war bei mir zu Anfang die Frage überhaupt. Ich wollte natürlich mein Englisch verbessern, aber ich wollte nicht in die USA fahren. So entschied ich mich dann für Kanada. Da ich inzwischen hoffen durfte, den Austausch mit Rotary zu machen zu dürfen, und mich auch schon beworben hatte, musste ich aber noch zwei nicht englischsprachige Länder auswählen. Man hat bei Rotary drei Länderwünsche, von denen nur ein Land englischsprachig sein darf. Da ich schon vier Jahre Spanischunterricht an meiner Schule hatte, wollte ich, falls ich nicht nach Kanada kommen sollte, in ein spanischsprachiges Land gehen. Außerdem hatte ich nur Positives über Austausche nach Südamerika gehört. Meine Schule machte schon immer einen Kurzaustausch nach Chile, von dem mir alle begeistert berichteten, und so wurde Chile mein zweites Wunschland. Dann brauchte ich noch ein Land um meine “Wunschliste” zu füllen. Ich las auf einer Internetseite für Austauschschüler per Zufall einen Bericht über Argentinien. Der Text war nicht einmal von einem Austauschschüler geschrieben, aber er beeindruckte mich so sehr, dass ich dann entschied, Argentinien als Drittwunsch anzugeben. Später tauschte ich noch einmal die Reihenfolge der Länderwünsche, sodass Kanada schlussendlich an dritter Stelle stand.

Vom Winde geformt und uralt
Dann war alles klar: Ich sollte nach Argentinien kommen und später bekam ich dann die Nachricht von meinem Distrikt 4860, dass ich nach San Juan kommen würde. Die Stadt liegt auf gleicher Höhe wie Buenos Aires, aber 1400 km weiter westlich am Fuß der Anden. Die nächste größere Stadt ist Mendoza, 200 km südlich und Sitz des Rotary Distrikts. In der Region wird hauptsächlich Wein angebaut. San Juan ist mit mehr als einer halben Million Einwohner für uns ein große Stadt, aber nicht für die Argentinier. Die Sanjuaniner bezeichnen ihre Stadt als “ruhig” und damit ist gemeint, dass sehr wenig los ist. Es gibt viele Diskotheken, aber nur zwei Kinos, ein Theater, ein Deutschinstitut, ein paar historische Museen, aber keine “Volkshochschule”. Auch vom so typischen “Tango Argentino” war wenig zu spüren.
Als ich dort im August ankam, war dort Winter. Ich hatte nicht erwartet, dass es in Argentinien so kalt sein kann. Durch die unheimliche Trockenheit San Juans fühlen sich niedrige Temperaturen nämlich viel kälter an als hier. Dafür ist es im Sommer umgekehrt, sodass 30°C gar nicht so viel sind. Generell ist der bewohnte Teil Argentiniens eher warm, aber trotzdem hatte ich eindeutig zu wenige Pullover mitgenommen.

Leuchtturm vom Ende der Welt
Der Anfang in Argentinien war super für mich. Mein Gastbruder machte mir alles sehr einfach. Er ging mit mir zur Schule und seine Freunde wurden so schnell auch meine. So hatte ich schnell einen großen Bekanntenkreis und war gerne dort. Gute Freunde zu finden empfand ich allerdings als eine schwierige Sache. Dabei spielen Dinge eine Rolle, auf die ich im vornherein gar nicht gekommen wäre. Neben der Tatsache, dass natürlich gleich zu Anfang keine wirklichen Freundschaften gewachsen sein konnten, schien mir die Art und Weise des Umgangs miteinander grundlegend verschieden. Während ich mich in Deutschland mit Freunden oft alleine treffe, um einfach nur zu reden, trifft man sich dort wohl immer in der Gruppe. Gespräche blieben für mich dadurch eigentlich immer an der Oberfläche. Anfangs habe ich mich gefreut, dass mein Gastbruder mich zu solchen Treffen immer mitgenommen hat (die Unkompliziertheit kann man durchaus sehr schätzen!), später habe ich gemerkt, dass ich mich dadurch aber auch ziemlich abhängig gemacht habe und ein bisschen spät anfing, selber Freunde zu suchen. Das war nicht einfach. Manchmal fühlt man sich allein.
Trotz allem sollte man wissen, dass Argentinier wirklich sehr herzliche Menschen sind. Ich hatte nie das Gefühl schlecht behandelt worden zu sein. Eher im Gegenteil. Nie habe ich einen Nachteil oder blöden Spruch verspüren müssen, weil ich Ausländer bin, was man wirklich schätzen sollte. Gastfreundschaft schreibt man dort groß, sodass ich viele Male auch von Leuten, die ich nicht gut kannte, auf ein Asado (Grillen – Nationalgericht) eingeladen wurde. Überhaupt wurde sehr viel Fleisch gegessen. Obwohl ich in Deutschland fast Vegetarier war, habe ich mich sehr schnell an die aus Fleisch und Gemüse bestehende Küche gewöhnt.

Asado, das Nationalgericht

Argentinisches Wurstbrötchen
Was mir immer viel Spaß machte war das Lernen dieses zu Anfang absolut unverständlichen Spanisch. Ich hatte vorher vier Jahre Spanischunterricht in Deutschland, wo ich allerdings hauptsächlich die Grammatik lernte und weniger selbstständiges Sprechen und vor allem kein Verstehen von unbekannten Dialekten. Ich machte den Riesenfehler, zu Anfang ziemlich viel Englisch zu sprechen (meine Schule war bilingual), wodurch ich erst etwas später anfing, Spanisch zu lernen. Ein Auslandsjahr ist ja kein Sprachkurs, das sollte klar sein, aber es ist wirklich wichtig, besonders für einen selber, die Sprache gut zu lernen. Ich habe aber auch erst am Ende gemerkt, wie die Sprache einem so manche, bis dahin noch nicht einmal sichtbare Tür öffnen kann.
Das argentinische Schulsystem ist sehr uneinheitlich. Es gibt private und öffentliche Schulen. Der einzig klare Unterschied ist, dass die privaten Schulen eine Uniform haben und die öffentlichen nicht. Beide Schulformen sind nämlich auch noch unter sich total unterschiedlich. Generell ist das Schulniveau mit dem deutschen nicht zu vergleichen. Ich hatte aber Glück, denn ich war auf der teuersten Schule der ganzen Stadt. Das heißt aber nicht, dass es die Beste war. In den Naturwissenschaften und Englisch war das Niveau vergleichbar. Eine relativ übliche Unterrichtsform ist Frontalunterricht, bei mir war das zwar nicht der Fall, aber trotzdem musste ich sehr viel auswendig lernen und habe fast nie schreiben müssen, außer wenn, wie so oft, diktiert wurde. Ich fand es sehr schade, dass die Schüler wirklich sehr wenig Interesse am Unterricht zeigten und nur für die Arbeiten lernten und die Lehrer auch nicht daran interessiert waren, den Schülern darüber hinaus Wissen zu vermitteln. Als Fazit zum Schulsystem kann ich nur sagen: Das Niveau ist nicht so hoch, aber man kann auch sehr viel Glück haben!
Mein Leben in Argentinien war ganz schön anders. Stress ist in San Juan eher ein Fremdwort, das fand ich natürlich auch nicht schlecht. So lebte ich ein Jahr lang ohne Terminkalender und ohne so viele Aktivitäten und Schulstress, dass man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll. Ich hatte wirklich ein sehr entspanntes Leben, auch wenn ich es dann schnell auch zu langweilig fand. Die sehr langen Ferien in Südamerika können sich schon ziemlich dehnen, jedoch sehe ich das als Erfahrung an und habe gelernt, mich gegen dieses Nichtstun zu wappnen. Das Leben jedes Austauschschülers kann sehr unterschiedlich sein, sodass für viele das gute und sehr einfach zu lebende Nachtleben Argentiniens das Ein und Alles ist (das junge Argentinien ist ein Nachtvolk).

Buenos Aires
Rotary veranstaltet in Argentinien normalerweise eine Südreise im November und eine Nordreise im März. Diese Reisen sind recht teuer, aber sie lohnen sich auf jeden Fall. Auf der Südreise haben wir zum Beispiel Gletscher gesehen und auf der Nordreise die Iguazú Wasserfälle. Mehr noch sind es aber auch Erfahrungen, wie groß z.B. Distanzen zwischen zwei Tankstellen sein können. Oder auch die Armut, die ich sah, werde ich nie vergessen. In Spanisch kann man zu diesen Reisen nur sagen “espectacular”. Etwas schade war, dass wir Bueons Aires, die zwölf Millionen Metropole Argentiniens, nur sehr flüchtig kennengelernt haben. Auf jeden Fall sind diese Reisen sehr lohnenswert, weil dieses Land so unbegreiflich groß ist. Ich fand es sehr beeindruckend, dass man drei Stunden im Bus fahren kann und keine Menschenseele sieht. Für mich ist es auch immer noch verrückt, dass ein Land so viele verschiedene Klimazonen haben kann.

Gletscher Perito Moreno in Patagonien

Iguazu Wasserfälle
So bin ich ganz froh, dass die Austauschorganisation diese Reisen mit uns gemacht hat, denn gerade in so einem großen Land ist das etwas Besonderes und Schwieriges, das ganze Land bereisen zu können. Rotary lud uns auch ungefähr einmal im Monat nach Mendoza zu Rotary-Veranstaltungen ein, damit wir die Austauschschüler aus der Nachbarstadt Mendoza treffen konnten. Der Distrikt hatte ungefähr 20 Austauschschüler, die eine Hälfte war in Mendoza und die andere Hälfte in San Juan. Wir fuhren mit der Gruppe einmal nach Chile und gemeinsam machten wir auch die Rundreisen in Argentinien. Es ist wirklich gut, so eine feste Gruppe von Austauschschülern zu haben, die alle in der gleichen Situation stecken wie man selber, die die gleichen Probleme haben und sich über die gleichen Sachen freuen können. Lediglich kann es einen am Spanischlernen hindern, oder man kann dadurch auch sein Englisch verbessern.

Austauschschüler
Die Rotary-Regel sieht vor, dass man in drei verschiedenen Familien lebt. Dieses Rotationsprinzip wird aber oft nicht so eingehalten, sodass man auch nur eine oder auch mal vier Familien haben kann. Das hängt immer vom Distrikt oder Club ab. Ich hatte nur eine Familie und weiß bis heute nicht warum. Ich bin mit Rotary sehr zufrieden, man wird sehr gut betreut und abgesehen davon ist es auch eine sehr günstige Möglichkeit, einen Austausch zu machen. Voraussetzung für einen Austausch mit Rotary ist in jedem Fall, dass die eigenen Eltern in der Zeit auch einen Austauschschüler aufnehmen.
Ein Austausch ist schwer, aber sehr interessant und die Erfahrungen, die man macht, sind so schnell nicht auf anderem Wege zu machen.
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