Altes Gymnasium Oldenburg

Ole Pflüger – Leben, wo andere Wohnmobil fahren

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„Der Deutsche Ole Pflüger wünschte sich ein exotisches Auslandsjahr. Er landete in Blomvåg in der Kommune Øygarden.“ Ironischer, aber auch treffender, als die Zeitung „Bergens Tidende“ (die Norwegische Antwort auf die New York Times) ihren Artikel über meine Austauschorganisation AFS eröffnete beziehungsweise den Ort, der für fast 11 Monate mein Zuhause war, beschrieb, hätte man dies kaum tun können: Øygarden ist der Name einer Kette von Inseln, ca. 20-40 Kilometer nordwestlich der mit 250.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Norwegens, der altehrwürdigen hanseatischen Kontorstadt Bergen.

Exotisch?

Nun, außerhalb von Øygarden ist Øygarden in erster Linie für drei Dinge bekannt: Fisch, die Tatsache, dass hier vor 12500 Jahren die aller Wahrscheinlichkeit nach ersten Norweger wohnten und einige der heutigen Einwohner scheinbar immer noch einen ähnlichen Lebensstil praktizieren und seine (bei schlechtem Wetter) extreme Einöde. Innerhalb von Øygarden hält man die Fischerei für nicht sonderlich bemerkenswert, etwas rückständige Anwohner für liebenswert und freut sich an der großartigen Natur, welche sich bei dem leider nicht allzu oft eintretenden guten Wetter, Mal um Mal ihre traumhafte Schönheit zeigt.


Øygarden – bei gutem Wetter

Dennoch, die Busse in die nächstgelegene „Großstadt“ Bergen (bekannt für fast 300 Regentage im Jahr) fahren in der Regel alle zwei Stunden, zur Schulzeit öfter, am Wochenende gerne seltener, was vor allem spontane Treffen mit Freunden und auch meinen Schulweg in eben jene Stadt zu einem nicht eben einfachen Unterfangen machten.

Zugegeben, die Voraussetzungen und äußeren Umstände waren so, dass sie gerade den dunklen und verregneten Winter für den ahnungslosen Austauschschüler aus dem urban geprägten Deutschland leicht zu einer psychologischen Herausforderung hätten werden lassen können. Stattdessen wurde auch dieser zu einer wichtigen und wertvollen Erfahrung.

Das alles mag sich auf den ersten Blick sehr negativ anhören und wenn man Austauschschüler danach fragt, was denn ihre größte Befürchtung mit Hinblick auf das Auslandsjahr sei, bekommt man zu hören: „Auf irgendeiner Farm in der Landschaft zu landen“. Zugegeben, als ich nach zweistündiger Autofahrt das Haus meiner Gastfamilie erreichte, war ich selbst einigermaßen skeptisch. Rückblickend kann ich sagen: Es war nicht immer einfach, aber sollte man mich fragen, ich würde mich immer wieder für dieses abgelegene Inselreich entschieden, welches mir mit der Zeit wirklich ans Herz gewachsen ist. Genau wie Bergen, welches im Laufe des Jahres so etwas wie eine zweite Gastheimat für mich werden sollte.

Aber von Anfang an:
Grund dafür, dass ich in Norwegen landete, war tatsächlich der Reiz, ein Land völlig abseits der üblichen Austauschschüler-Routen zu besuchen und ein Jahr dort zu verbringen. Den meisten Deutschen ist Norwegen vor allem als Urlaubsland links und rechts der Wohnmobilüberlaufenen und hervorragend ausgebauten Schnellstraße E6 von Oslo zum Nordkapp oder allenfalls noch als das Land der berühmten Postschiffe auf der Hurtigruten bekannt. Da ich selber zuvor nie in Norwegen, sondern stets in Schweden gewesen war, war es für mich besonders spannend, ein Land auf eine völlig andere Art und Weise, als im Urlaub oder aus den Nachrichten kennen zu lernen und nebenbei vielleicht auch das norwegische Bild vom typischen Deutschen ein wenig zu verändern.

Möglicherweise hört man auch so wenig von Austauschschülern in Norwegen, da es äußerst schwierig scheint, Gastfamilien im Land der Mitternachtssonne zu finden. Eigentlich kein Wunder, wenn auf der Fläche Deutschlands gerade einmal 4,5 Millionen Menschen leben.

Diese Tatsachen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten bei der Gastfamiliensuche bereits am eigenen Leibe zu spüren, bevor ich überhaupt Norwegischen Boden unter den Füßen hatte: Die nach einem halben Jahr des Wartens erlösende E-Mail mit der Adresse meiner Familie trudelte ganze zwei Tage vor meiner Abreise am 4. August ein.

Nach einem recht kurzen Flug, einer erheblich weniger kurzen Busfahrt über das Norwegische Hochgebirge und einer wunderschönen ersten Woche im so genannten „Arrival-Camp“ mit 30 anderen Austauschschülern aus aller Welt wurden ich und besagte Austauschschüler von unseren Gastfamilien abgeholt. Insgesamt war die Arbeit meiner Organisation „AFS“ vor Ort mehr als vorbildlich und sicher einer der Gründe dafür, dass ich im Laufe nicht nur norwegische Freunde fand, sondern Bekanntschaften in aller Welt knüpfen konnte.

Gerade im Herbst, als es für uns schwierig war, an die verschlossenen (nicht alle Vorurteile wurden widerlegt) Norweger „heranzukommen“, war der Zusammenhalt in der Gruppe der Austauschschüler besonders stark.

Meine Gastfamilie bestand lediglich aus meinen Gasteltern Per (57) und Inger (56) Morken, zwei sehr netten und gastfreundlichen Menschen, deren Tochter ihrerseits (wenn auch vor 20 Jahren) in den USA gewesen war. Ich war nach einer Australierin und einer Japanerin bereits ihr dritter Gastschüler.


Meine Gasteltern Per und Inger in Oslo

Vor allem mit meinem Gastvater verstand ich mich von Anfang an sehr gut, da wir gemeinsam ein großes Interesse für Fußball teilten und er sich darüber freute, erstmals eine männliche Mehrheit im Haushalt hinter zu haben (und damit das Fernsehprogramm zugunsten des Fußballs beeinflussen zu können). Die ausgedehnten Fischtouren mit dem Boot (und hier einer unschlagbaren Vorteile der gegebenen Lokalitäten) waren jede für sich ein besonderes Erlebnis und haben tatsächlich vermocht, meine bisher starke Abneigung gegen Fischgerichte zu brechen.

Apropos Essen: Natürlich hatte ich öfters Begegnungen mit der, nun ja, ungewöhnlichen norwegischen Küche. Die reichten vom berühmten, im (deutschen) Volksmund „Karamellkäse“ genannten, braunen Ziegenkäse oder norwegischem Lachs über Gerichte, die sich schlimmer anhören, als sie sind, Fischpudding (Fiskepudding) oder Fischkuchen (Fiskekake), bis hin zu dem, was wirklich das ist, als was es bezeichnet wird: Schafskopf.

In einem von AFS organisierten Essen im Bergdorf Voss konnten alle, die der Name nicht vergrault hatte, die lokale Spezialität probieren. Die wichtigste Regel hierbei lautete: Nicht in die Augen (des Schafes) gucken! Wer wollte, konnte allerdings sogar die mitessen. Alles in allem schmeckt der „Smalahove“ durchaus ungewöhnlich, deswegen aber nicht schlecht. Wer sich selber überzeugen möchte, sollte im Herbst den Voss am besten selber aufsuchen. Hier wird das Schafskopfessen einmal jährlich mit einem großen Fest zelebriert.


Schafskopf: vorher – nachher

Was Freizeitaktivitäten anging, war es auf dem Lande natürlich nicht immer einfach, etwas zu finden. Außer einem Fußballverein ließ sich genauer gesagt überhaupt nichts finden. Ohnehin blieb durch den langen Schulweg zur Schulzeit nicht mehr allzu viel von den Nachmittagen übrig, sodass der Regen sein übriges tat und mich zeitweise situativ bedingt zu einer Leseratte ersten Ranges machten.

Im Winter standen natürlich zahlreiche Skitouren auf dem Programm. Auch wenn an der Norwegischen Westküste nicht wesentlich mehr Schnee fällt als in Oldenburg; in den Bergen sieht es völlig anders aus. Besonders deutlich wird das Verhältnis der Norweger zu Schnee vielleicht an folgender Szene:

An Weihnachten besuchten wir die Familie meiner Gastmutter in der Ostnorwegischen Stadt Skien. Da es in Norwegen quasi keine Autobahnen gibt, mussten wir uns hierfür hunderte von Kilometern auf kurvigen Straßen über das Hochgebirge und die Hochebene „Hardangervidden“ quälen. Während ich mit großen Augen aus dem Auto die sich bis zu zwei Meter an der Straßenseite auftürmenden Schneewände bestaunte, antwortete meine Gastmutter, in Skien angekommen, auf die Frage, ob wir denn gut durchgekommen seien, mit: „Ja so gut, wie lange nicht. Lag ja kein Schnee.“


„Lag ja kein Schnee“

Ein besonderes Erlebnis im Winter war die so genannte „Soziale Arbeitswoche“. Hierbei besuchten wir Austauschschüler für eine Woche nicht wie normal die Schule, sondern bekamen die Möglichkeit, in der Arbeitswelt des Gastlandes zu „schnuppern“. In meinem Fall war „die Arbeitswelt“ die lokale Zeitung „Vestnytt“, deren Titelblatt gerne einmal ein stolzer Einwohner der Kommune Øygarden schmückte, welcher, und hier schließt sich schon beinahe der Kreis in meinem Auslandsbericht, nach zweistündigem Kampf einen Rekordaal aus dem Wasser gezogen hatte.

Wenn man dann die ernsthaft geführte Diskussion der Redaktion, ob nun der Aal oder Olav Kallestads „ultimativer Elektrozaun gegen Nacktschnecken“ die Titelseite füllen soll, neben die sieben überdimensionierten Einkaufzentrum in einer 250.000-Einwohner-Stadt stellt, dann ist man wieder einmal auf den Charme des Lebens in diesem kleinen, großen Land gestoßen.Der 17. Mai ist der Nationalfeiertag Norwegens. Man feiert die Unabhängigkeit von Dänemark aus dem Jahr 1814, welche allerdings nur wenige Wochen währte, bis sich Schweden das Land einverleibte. Vielleicht gerade deshalb gibt es wohl nicht viele Länder, in denen der Nationalfeiertag enthusiastischer begangen wird. Fast die ganze Nation befindet sich, in Nationaltrachten gekleidet, auf der Straße, jede verfügbare Flagge wird in den Wind gehängt, sämtliche Radio- und Fernsehstationen kennen kein anderes Thema, in jedem noch so kleinen Dorf gibt es einen feierlichen Umzug, in den großen Städten mehrere und sogar in Bergen ist das Wetter sonnig. Man wundert sich über die Schweden, die an ihrem Nationalfeiertag nicht einmal schulfrei bekommen oder über die Deutschen, die sich nicht so richtig trauen, den ihrigen zu feiern. Sogar in Hamburg veranstalten die ca. 800 emigrierten Norweger am „syttende mai“ jährlich einen eigenen Festzug.


17. Mai in Bergen

Oft werde ich gefragt, ob es eigentlich schwer sei, eine Sprache zu lernen, die man nicht in der Schule behandelt hat und zu der man so gut wie keine Vorkenntnisse besitzt. Und, nachdem ich anfangs auch skeptisch war, es geht. Natürlich hat man als Deutscher gewisse Vorteile, da es eine nicht kleine Anzahl von Worten gibt, die im Norwegischen sehr ähnlich oder sogar gleich geschrieben werden. Manche behaupten, zwar, Norwegisch würde dem Deutschen sogar sehr ähnlich klingen, was so allerdings auch nicht wirklich richtig ist.

Lediglich Dänisch klingt ein wenig wie Norwegisch mit sächsischem Akzent. Zwar hatte ich in einem halbjährlichen Volkshochschulkurs schon einige Vorkenntnisse erworben, musste dann aber in den ersten Wochen feststellen, dass diese mir nicht wirklich weiterhalfen. Aus einem einfachen Grund: Die lokalen Dialekte sind in Norwegen einfach sehr viel mehr ausgeprägt als in Deutschland. Und da diese von Oslo aus Richtung Westen und Norden proportional unverständlicher werden, halfen mir meine wenigen Brocken „Hochnorwegisch“ nicht sonderlich weiter. Trotzdem konnte ich mich nach anfänglicher Schwierigkeiten ungefähr ab Oktober sehr schnell in die Sprache einfinden, denn auch hier gilt: Je mehr man kann, desto schneller lernt man.

So, nun bin ich doch am Ende meines Berichtes angelangt. Natürlich ist es nicht möglich, auf wenigen Seiten die Stimmung und die Erlebnisse eines ganzen Jahres zu vermitteln. Und ich habe mich ehrlich gesagt in den ersten Wochen nach einer Rückkehr damit schwer getan, die im Laufe des Jahres auf mich eingeströmten Eindrücke überhaupt schriftlich zu verarbeiten. Trotzdem hoffe ich, dass ich einen kleinen Eindruck vermitteln und ein Fenster öffnen, in dieses abwechslungsreiche und wunderschöne Land, und einen Teil meiner positiven und negativen aber allesamt lehrreichen Erlebnisse als Austauschschüler schildern konnte.

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