Altes Gymnasium Oldenburg

Fenna Bernert: “Ihr habt die Uhren, aber wir haben die Zeit.”

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Mein Austauschjahr begann am 23.08.2007 in Las Varillas, einer Kleinstadt ca. 2 Stunden Autofahrt von Cordoba. Gleich zu Beginn hatte ich eine sehr unangenehme Begegnung mit meiner Gastfamilie. Mein Gastvater, Macho, wie man sich das vorstellt, stellte sofort Regeln auf. So drohte er mir, da er – denke ich – nicht mit Mädchen umzugehen wusste (ich hatte fünf Brüder), Schläge mit der Peitsche an, sofern ich ihm nicht gehorchen würde. Nach einer Woche voller Angst in Las Varillas hat es Rotary mir ermöglicht die Gastfamilie zu wechseln, sodass mich der Weg nach Chilecito in der Region La Rioja führte.

Chilecito ist mit 45.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt La Riojas. Es liegt in 1100m Höhe und ist bekannt für seine inzwischen nicht mehr betriebene Goldmine. Kurioserweise wurde die Drahtseilbahn, die zu den Abbaustationen führte, von einer Leipziger Maschinenbaufirma konstruiert.

In meiner Familie teilte ich mir ein Zimmer mit meinen Gastschwestern (17 und 6 Jahre alt). Außerdem hatte ich noch einen 3-jährigen Gastbruder, den ich sehr lieb gewonnen habe. Meine Gasteltern haben mich trotz der anfänglichen Verständigungsprobleme (sie sprachen kein Englisch) vom ersten Tag an ins Herz geschlossen.

Ich besuchte eine künstlerische Schule. Das bedeutete, dass ich am Vormittag am normalen Unterricht teilnahm und am Nachmittag Kurse für Gitarre, Chor und Folklore-Tanz besuchte. Meine Mitschüler konnte ich ohne Spanischkenntnisse am Anfang nicht verstehen. Jedoch ist die Mentalität der Argentinier warmherzig und sie bringen einem großes Interesse und Verständnis entgegen. So kommunizierten wir uns mit Händen und Füßen und ich schloss erste Freundschaften.

Außer mir gab es noch weitere Austauschschüler in Chilecito. Dylan, eine von ihnen, kam aus den USA. Im Dezember habe ich mit ihr an einer Bergwanderung zu der Goldmine in den Bergen teilgenommen. Die Mine ist nicht mit dem Auto nicht erreichbar, also hieß es die Zähne zusammen zu beißen und zwei Tage lang zu marschieren. Die Wandergruppe bestand aus Frauen unseres Aerobic-Kurses im Alter von ca. 55 Jahren, die nicht annähernd so erschöpft waren wie Dylan und ich! Abgesehen von dem Aerobic-Kurs habe ich Salsa und Tango argentino tanzen gelernt.

Im Februar erlebte ich eine der spannendsten Wochen. In der Provinz La Rioja standen die Städte zu Karneval Kopf. Zu dieser Zeit wurde während der Siesta auf der Straße mit Wasserbomben geworfen. Abends ging es weiter. Gegen 22 Uhr trafen sich die Bewohner Chilecitos in ältester Kleidung in bestimmten Nachbarschaften der Stadt. Dulce de Leche (eine Art Karamelcreme), Honig, Schuhcreme oder Mehl hatten alle dabei. In dem ganzen Gewusel hörte ich nur „die Blonde!”, „die Deutsche!” „hermosa!”, und dann spürte ich nur noch Hände in meinem Gesicht. Schwarz von der Schuhcreme, klebrig von Dulce de leche und nass von den Wasserbomben, ging es nach einiger Zeit wieder nach Hause. Meine tägliche 5-Minuten Dusche reichte nicht aus, den Dreck von mir zu bekommen. Ich brauchte 30 Minuten unter heißem Wasser und beinahe eine Flasche Shampoo, um mich wieder erkennen zu können.

Argentinische Gelassenheit, die sich nicht nur in Situationen wie diesen zeigte, vermisse ich sehr. So trifft man sich eben um die Kranevalszeit auf der Straße, beschmeißt sich, ob arm oder reich, und lacht aus vollem Herzen über sich, seine Freunde oder Unbekannte. Argentinische Gelassenheit bedeutet aber auch, immer ein bisschen Zeit für seine Freunde zu haben. Musste ich zum Beispiel zu einem bestimmten Termin, einer Verabredung oder einer Veranstaltung und ein Bekannter begegnete mir auf der Straße, so wäre es unhöflich gewesen mit einem einfachen „Hola!” an diesem vorbeizugehen. Auch wenn es Nichtigkeiten waren, gab es immer ein bisschen Gesprächsstoff. Das führte natürlich unvermeidbar zu Unpünktlichkeit. Es war schwer, aber nach zwei Monaten hatte auch ich es raus. Wenn ich mich zum Beispiel mit dem Beginn der Tangostunde auf den Weg machte, war ich immer noch die erste dort. Somit sind 10 oder sogar 20 Minuten nicht einmal annähernd zu spät.
„Vosotros, los europeos tenéis los relojos pero nosotros tenemos el tiempo.” – P. Africano
„Ihr, die Europäer, habt die Uhren, aber wir haben die Zeit.”

Nicht nur auf diese Weise machen sich Argentinier das Leben ein wenig stressfreier. Ein tägliches Muss für jeden Bewohner Chilecitos ist die Siesta. Die „Siesta riojana” ist ein zweistündiger Mittagsschlaf. Wir Austauschschüler wurden von allen Gasteltern gerne belächelt, denn am Anfang sagten wir alle „Nein. Ich brauche keine Siesta.”. Nach weniger als einem halben Jahr argentinischen Lebens jedoch wollten auch wir nicht mehr auf diese Pause verzichten.

Im zweiten Halbjahr veränderte sich der Verlauf meines Austauschs noch einmal erheblich. Aus einer Familie, in der ich voll eingebunden war (was für mich auch bedeutete zu kochen, zu putzen und auch mal, wenn alle am Wochenende ausgingen, auf meine jüngeren Gastgeschwister aufzupassen), kam ich in eine „Familie” ohne Familienanschluss. Auch dort hatte ich zwar Geschwister, eine Gastmutter und einen Gastvater, mit denen ich mich gut verstand. Dennoch war ich völlig auf mich allein gestellt. Ich wohnte alleine in einem der vielen an die Wohnung meiner Gasteltern angrenzenden Apartments. Dort war ich für meine Verpflegung, Wäschewaschen mit der Hand und Bekämpfung sämtlicher krabbelnder Mitbewohnung in meinem Bad selbst verantwortlich. Einerseits war es ein großer Schritt zur Selbstständigkeit, andererseits wünschte ich mir manchmal jemanden, der mal meckerte, mich in den Arm nahm oder einfach nur sagte, wann ich am Wochenende wieder zu Hause sein sollte. Auch vermisste ich gemeinsame Mahlzeiten.

Nicht nur alleine zu wohnen war eine große Umstellung, sondern auch die Chance durch Rotary ab März unterschiedliche Berufswelten kennen zu lernen. Morgens ging ich um 8 Uhr aus dem Haus, um in dem städtischen Tourismus-Büro zu arbeiten. Dort stand ich zum einen am Empfang, um Touristen weiterzuhelfen. Zum anderen hatte ich die Aufgabe das Informationsmaterial über Chilecito, die vorhandene Goldmine und andere Sehenswürdigkeiten ins Deutsche zu übersetzen.
Nachmittags arbeitete ich in einem Kindergarten. Dort erzählte ich Geschichten, unterrichtete Deutsch und Englisch, versorgte Wunden und trocknete Tränen. Dies waren zwei Tätigkeiten, die mir sehr viel Spaß machten und mir halfen, meine Spanischkenntnisse zu verbessern.Durch die zunehmende Kälte und meinem 2° C kalten Wohnraum, wurde ich so krank, dass ich im Mai ein paar Tage ins Krankenhaus musste. Dort machte ich die Erfahrung, dass es nicht immer die Gastfamilie ist, die in jeder Situation bei einem ist. In dieser Zeit waren es meine Freunde und deren Familienmitglieder, die sich um sich mich kümmerten und im Schichtdienst an meinem Bett saßen.

„Ojalá vivas todos los días de tu vida.” – J. Suift
„Hoffentlich lebst du alle Tage deines Lebens.”

Trotz der vielen Widrigkeiten, die mir in diesem Jahr widerfuhren, könnte ich mir nicht Schöneres vorstellen, als nach Argentinien zurück zu kehren. (… und das, weil ich mich nicht nur in das Land verliebt habe …).

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Wanderung
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Karneval
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Goldminenstation
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Umgebung von Chilecitos
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Kindergarten
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Flaggenritual

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Rotary-Treffen

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