Altes Gymnasium Oldenburg

Willkommen in Polen!

“Der Zug fährt nicht”, musste Herr Kregel am Bahnhof des Ortes Kutno ca. 100 Kilometer vor Warschau konstatieren, “wegen Gleisarbeiten”. Man schien sich sehr spontan zu diesen Gleisarbeiten entschlossen zu haben; immerhin hatte die Deutsche Bahn uns (bzw. dem Tutor) die Karten ohne mit der Wimper zu zucken verkauft. Dass ein “Die Bahn ist schuld” zwar Befriedigung verschafft, aber kurzfristig nicht weiterhilft, dürfte jedem Kunden des Unternehmens bekannt sein. Nach telefonischer Rücksprache mit den Lehrern der polnischen Gruppe durften wir erfahren, dass wir soeben Zeugen eines polnischen Normalfalls geworden waren. Als dann der erwartete Schienenersatzverkehr nicht sofort eintreffen wollte, ging dem einen oder anderen bereits das erste sarkastische “Willkommen in Polen” durch den Kopf.

Doch das “Willkommen in Polen“ der anderen Art ließ nicht allzu lange auf sich warten: Nach unserer langen Fahrt (um 5.35 hatten wir unsere Eltern am Bahnhof verabschiedet, die Uhr schlug nun fast 18) hatten wir unseren Getränkevorrat zu weiten Teilen aufgebraucht. Leider (wobei man dieser Tage vielleicht „Gott sei Dank“ sagen sollte) ist Kutno noch nicht sonderlich eng mit dem internationalen Finanzmarkt verzahnt, sodass wir mit den sich in unserem Besitz befindlichen Euro in Hinblick auf Getränkekauf herzlich wenig anfangen konnten. Also begannen wir lauthals, uns gegenseitig unseren Durst vorzuklagen. Hier wurden wir zum ersten Mal Zeuge der viel gerühmten polnischen Gastfreundlichkeit. Eine ältere Dame mochte dem elenden Dasein, das wir fristeten, nicht länger zusehen, fasste sich ein Herz, kaufte am nächst gelegenen Kiosk zwei Flaschen Cola und drückte sie uns in die Hände. Einigermaßen perplex über so viel Freundlichkeit stiegen wir in den Bus und nahmen es dann auch schon eher mit Humor, als uns dieser an einem zwar in Gebrauch befindlichen, aber wie stillgelegt aussehenden Bahnhof in einem Ort aussetzte, dessen Namen wir weder aussprechen noch uns merken konnten. Wir schienen auch die ersten Touristen zu sein, die dort längere Zeit verbrachten, denn auf die Installation von öffentlichen Toiletten hatte man offenbar vollends verzichtet.

Soweit die Geschichte unserer Hinreise am vergangenen Donnerstag. Die Stadtführungen in Lodz und Radomsko in den vergangenen Tagen bestätigten den Eindruck, dass Polen in vielerlei Hinsicht und aus verständlichen Gründen noch Entwicklungsland ist. So fühlt man sich an manchen Ecken in die späten fünfziger Jahre zurückversetzt, erwartet geradezu, dass die Welt in wenigen Sekunden auf schwarz-weiß umspringt. Doch gerade in angehenden Großstädten wie Lodz zeigt sich auch, dass sich etwas bewegt. Die Innenstadt ist teilweise bereits hervorragend renoviert, andere Bauten weisen gleichzeitig noch gewaltiges Restaurationspotential auf. Auf der anderen Seite bildete den Abschluss unseres gestrigen Besuches der Aufenthalt in einem Shopping-Center von solchem Ausmaß, dass es sämtliche Oldenburger Diskussionen um das so genannte ECE wie belanglose, künstliche Aufgeregtheit erscheinen lässt.

Die Gegensätze zwischen einsetzendem Turbokapitalismus und dem beschaulichen – sicher auch etwas rückständigem – Landleben lassen sich kaum beschreiben; man muss sie erleben.

Erleben muss man auch die bereits beschriebene Gastfreundschaft, den manchmal etwas rauen, aber herzlichen Tonfall und die erstaunliche Offenheit der meisten Polen. “Deutschland ist viel schöner als Polen”, bekam man zu hören, und tut sich tatsächlich ein wenig schwer zu widersprechen. Ohne ein großes Fass aufmachen zu wollen: Schönheit ist immer auch eine Frage der Definition. Wir werden uns in den nächsten Tagen weiter bemühen, diese Definition zu vertiefen. Es ist sehr viel Neues dabei.

Wenn auf der Rückfahrt der Zug auch nicht fährt, werden sich unsere polnischen Gastgeber womöglich dafür entschuldigen.

In Deutschland würde man wohl eher die Ticketpreise erhöhen.


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