Altes Gymnasium Oldenburg

Klausurprobe – Harte Arbeit und fröhliches Beieinandersein

Print Friendly

Schwer hat es der Mensch im Jahre 2008. Holland könnte binnen des nächsten Jahrhunderts unter Wasser stehen, ein “mutmaßlicher Terrorist” wird Präsident der Vereinigten Staaten, der Kapitalismus, der der ganzen Welt Gerechtigkeit und Wohlstand gebracht hat, liegt in den letzten Zügen, Kulturlosigkeit ist beinahe zum Grundnahrungsmittel geworden und – die schlimmste aller Hiobsbotschaften: Der Zusammenbruch der deutschen Autoindustrie (vor allem von Massenwareproduzenten wie Porsche) könnte jede Minute eintreten.

Die ganze Welt ist von tiefem Pessimismus ergriffen.

Die ganze Welt?

Neeeein!

Im kleinen Ort Damme mitten auf dem Norddeutschen Flachland steht auf einer unnatürlich aussehenden Anhöhe in einem unnatürlich aussehenden Wald eine Jugendherberge, deren Fassade an bessere Zeiten mit schlechteren Architekten erinnert.

In dieser Jugendherberge ist die Stimmung unbeschwert. Für 200 Menschen (mit geschätzten 100 Instrumenten) und 3½ Tage findet sich hier eine Oase der Unbeschwertheit. Zweck der Zusammenkunft ist das gemeinsame Musizieren und Feiern.

Nirgendwo funktioniert die Symbiose von harter Arbeit und fröhlichem Beieinandersein so einmalig gut, wie auf den Klausurproben des Alten Gymnasiums Oldenburg. Schuberts Messe Nr. 2 in G-Dur D167 wird auf dem Probenplan als „so’n Lied“ ausgewiesen.

„Schubert mit Schrumpforchester“ oder „Fitzelprobe“ steht auf dem gewaltigen Stück Papierrolle, das im Speisesaal aufgehängt Metronom für alle Beteiligten ist: Der Probenplan. 8-12-18 gibt er vor. Das sind die Essenszeiten. Von 9 bis 22 Uhr wird mit Ausnahme der Mittagspause und einiger 15-minütiger Unterbrechungen geprobt.

Abends folgt das Feiern im großen Stil: Sich, einander und die Tatsache an etwas derartig einmaligem teilhaben zu dürfen; das berühmte „Reglement für die Nacht” lautet (so oder ähnlich):

- 22:30 Zapfenstreich Klasse 7-9; alle im Haus, Tür zu

- 23:30 Zapfenstreich Klasse 10; Flure leer, Zimmer voll

- Jahrgang 11-13: zu angemessener Zeit ins Bett

Da gerade letzteres oft Auslegungssache ist und die allmorgendliche Floskel des Lehrkörpers dementsprechend „Die Nacht war schön, aber kurz“, grenzt es an ein Wunder, dass die Beteiligten an drei Tagen hintereinander in der Lage sind, effektive und meist gut gelaunte Probenarbeit zu leisten. Unter Experten und eingefleischten Klausurprobenteilnehmern wird dieses Phänomen als „Damme-Effekt“ bezeichnet.

Die Stimmung einer Chor- und Orchesterfahrt einzufangen, mag schwierig sein; sie wiederzugeben ist unmöglich. Aus allen Ecken und in alle Ecken dringt Musik, ob selbst gemacht oder genossen, sie ist allgegenwärtig.

Auf dem Fußballfeld, dessen Untergrund wie eine kleine Collage von Böden aller uns bekannten Klimazonen daherkommt, kann man in der Mittagspause Schüler aus allen Jahrgängen gemeinsam kicken sehen – ein seltener Anblick in Zeiten der Außenstelle Osternburg.

Der Umgang zwischen Schülern und Lehrern ist locker aber respektvoll, in Damme ist man in erster Linie Musiker; es ist tatsächlich eine Zusammenkunft der ganz besonderen Art, wie man sie im heutigen Schulalltag nicht mehr allzu oft erleben kann. Sie zeigt, was Begeisterung gepaart mit Engagement im Namen der Musik am Alten Gymnasium leisten können:

Am Samstagabend schließlich steuern vier bis zum Bersten (einer davon nur mit Instrumentarium) gefüllte Busse wieder das heimische Oldenburg und seinen verregneten Alltag an.

Kurz nach Eröffnung der Session haben wir bewiesen, dass die eigentliche Heimat des Frohsinns nicht am Rhein liegt. Dieser ist am Dümmer zu Hause.

Dies könnte Sie auch noch interessieren

  • Es wurde leider kein Artikel gefunden!

Empfehlen Sie diesen Artikel weiter: Diesen Artikel weiterempfehlen


« Zurück zu den Artikeln