A terra cheia de alegria – ein Land voll guter Laune: so nennen die Brasilianer gern ihr Land. Und das zu Recht.
Wenn man Brasilien hört, denkt man zuerst an Dinge wie den Karneval, warmes Wetter, freundliche Leute und Samba.
So war das jedenfalls bei mir und da sich auch ansonsten alles, was ich über Brasilien gehört hatte, sehr positiv anhörte und ich gerne eine neue Sprache lernen wollte, entschied ich mich dann schließlich tatsächlich dazu, ein Jahr in Brasilien zu verbringen.
Ich hatte ehrlich gesagt nicht viel Ahnung, was mich erwarten würde, und der Umfang meines Wortsschatzes ließ sich an zwei Händen abzählen, als ich dann schließlich nach einer umständlichen Flugreise mit einer Gruppe anderer Deutscher auf dem Flughafen in São Luís, einer Inselstadt und Hauptstadt des im Nordosten gelegenen Staates Maranhão, ankam. Die gesamte Gruppe, die neben elf Deutschen noch aus sieben weiteren internationalen Austauschschülern bestand, sollte in dieser schönen Stadt bleiben, was uns allen gleich das Gefühl gab, nicht ganz so allein zu sein.
Aber vor dem ersten Wiedersehen bei einem gemeinsamen Portugiesischkurs sollten wir uns zuerst in unseren Familien eingewöhnen.
Schon bei der Begrüßung stellte ich gleich fest, dass die Englischkenntnisse meiner neuen Gastschwester zwar dazu gereicht hatten, vor dem Austausch ein paar Emails zu schreiben, aber gesprochenes Englisch war nicht gerade ihre Stärke.
Bei dem Rest meiner Familie konnte ich mit meinem Englisch gar nichts anfangen und so kam ich mir ziemlich verloren vor, als ich nach einer Stunde Autofahrt in einem geräumigen Zimmer im neunten Stock eines Apartments allein gelassen wurde, um meine Koffer auszupacken.
Ich wusste weder, wie ich mich mit meiner Familie verständigen sollte, noch wo ich war.
Vom Balkon aus konnte ich hinter vielen Häusern und zwei stark befahrenen Hauptstraßen am Horizont das Meer sehen, aber das half mir bei meinen Orientierungsversuchen nicht sonderlich weiter, denn wie schon erwähnt, war ich auf einer Insel, ich hatte also keine Ahnung auf welcher Seite ich gelandet war.
Es war auch nicht möglich,
Kontakt zu den anderen Austauschschülern aufzunehmen und mit meinem Wortschatz kam ich erst einmal nur sehr schleppend voran.
So hieß es für mich am Anfang: Immer nett lächeln, nicken und mitlachen.
Brasilianer scheinen sowieso immer gut gelaunt zu sein und sind bei jeder Art von Party sofort dabei.
Man kann sie auch als sehr kontaktfreudig bezeichnen. Ich lernte in dieser ersten Woche den gesamten Bekanntenkreis meiner Familie kennen und bemerkte, dass es üblich war, die Verkäufer seiner Lieblingsgeschäfte, Kellner und die Wachmänner der Straße beim Vornamen zu kennen und mit Handschlag oder Küsschen zu begrüßen.
So konnte ich nach der ersten Woche bereits einwandfrei Bekanntschaften schließen, Leute begrüßen, verabschieden und ein wenig Smalltalk halten, kannte die wichtigsten Höflichkeitsregeln und gewöhnte mich bereits daran, dass die Leute beim Sprechen wesentlich näher kommen als in Deutschland und man auch von halbwegs Fremden plötzlich den Arm um die Schulter gelegt oder durchs Haar gestreichelt bekommt.
Diese neuen Erkenntnisse halfen mir in normalen Situationen mit meiner neuen Familie jedoch nicht sonderlich weiter, aber schließlich kam die versprochene Rettung, auf die ich bereits sehnsüchtig gewartet hatte: der 2-wöchige Intensiv-Portugiesischkurs mit den anderen Austauschschülern, der von unserer Partnerorganisation auf Englisch geleitet wurde.
Vier Stunden täglich lernten wir dort, uns vernünftig zu verständigen und nach ein paar Tagen fiel mir bereits auf, dass ich mehr von den vielen Dingen verstand, die meine Familie mir zu sagen versuchte, und ich es schaffte, mich mit Hilfe einiger zusammengewürfelter Wörter verständlich zu machen. Was für ein Triumph!
Nach diesen zwei ersten Wochen, die ich fast nur im Büro der Organisation “Via Mundo“ verbrachte, wurde unser Kurs für den Rest des Jahres auf einen Nachmittag pro Woche verkürzt und wir wurden auf unsere Schulen geschickt.
Ich ging auf das „Colegio Batista“, eine Privatschule. Dort bekam ich eine Schuluniform, die eher einem grünen Jogginganzug glich und wurde ohne große Vorstellung von der Direktorin in meine neue Klasse gesetzt, wo sofort alles anfing, mit Fragen auf mich einzustürmen.
Ich merkte gleich, dass die
Schule sich deutlich von deutschen Schulen unterscheidet.
Mir wurde gesagt, die Stunde finge um zehn nach sieben an, aber bis alle da waren, saßen und auch der Lehrer seinen Weg in den Klassenraum gefunden hatte, war es an jedem Tag bereits mindestens halb acht.
Dann folgten sieben Stunden Frontalunterricht, man könnte die Lehrer eher Freunde als Autoritätspersonen nennen und Dinge wie sich melden oder Hausaufgaben bekommen, waren den Leuten fremd.
Die Materie war hauptsächlich auf
Naturwissenschaften ausgelegt und es gab weder praktische Experimente noch jegliche Art von Schülerbeteiligung.
Auch im Unterricht aufzupassen ist hier keine Pflicht. Wenn man keine Lust hat, wird geredet, geschlafen, gemalt, oder Uno gespielt.
An meinem ersten Tag entschied so ziemlich jeder, dass es interessanter war, mich als den Lehrer zu beobachten. So wurde ich also sieben Stunden lang angestarrt und ausgefragt, egal ob ich etwas verstand oder nicht, irgendwer redete immer auf mich ein.
Zum Glück gab es in meiner Klasse tatsächlich jemanden, der Englisch sprach und versuchte, mir in dem ganzen Durcheinander so viel wie möglich zu übersetzen.
Und auch wenn es mir am Anfang schwer gefallen ist, habe ich mich im Laufe der Zeit an die laute, stimmungsvolle Art der Brasilianer und auch an das ständig – vor allem in der
Schule – herrschende Chaos gewöhnt.
Wozu ich aber sagen muss, dass es in meinem zweiten Halbjahr, in dem ich die Abschlussklasse besuchte, wesentlich ruhiger zuging, weil alle sich auf das Vestibular, die Universitätsprüfung, vorbereiteten.
Mit einer Sache konnte ich mich allerdings das ganze Jahr hinüber nicht anfreunden, und zwar mit dem Mittagessen.
Ich finde es schwer nachzuvollziehen, dass hier jeden Tag so ziemlich dasselbe gegessen wird, nämlich Reis, Fleisch (oder auch ab und zu Fisch) und dazu Feijão, eine ekelerregende Masse aus braunen oder schwarzen Bohnen mit Soße und Fleischresten.
Zuerst dachte ich mir, dass es vielleicht eine Eigenart meiner Familie sei, zum Mittag jeden Tag dasselbe zu essen.
Aber auch, nachdem ich – aufgrund einiger familiärer Probleme – nach zwei Monaten zu einer anderen Familie ziehen musste, standen jeden Tag Reis, Bohnen und Fleisch in verschiedenen Variationen, die doch alle irgendwie gleich waren, auf dem Tisch.In der neuen Familie wurde ich glücklicherweise sehr herzlich mit einem großen Kuchen, vielen Willkommensgrüßen und einer großen, in ein viel zu kleines Wohnzimmer gedrängten Menschenmenge, die mich bereits neugierig erwartete, willkommen geheißen. Ich fühlte mich schon nach fünf Minuten wohl, auch wenn ich mich sehr eingeengt fühlte.
Später konnte ich erleichtert feststellen, dass all die Leute nur Freunde und Verwandte waren und nicht in dem kleinen Haus wohnten.
Übrig blieben eine Mutter und ihre zwei zwanzigjährigen Töchter.
So wirkte das Haus auch gleich viel geräumiger, auch wenn es ständig Besuch gab und sie es sich nicht nehmen ließen, bei jeder Gelegenheit ihren gesamten Bekanntenkreis einzuladen.
Egal ob Geburtstag, Weihnachten, Silvester, Ostern, oder irgendwelche selbsterfundenen Mottopartys, das Haus war immer gut besucht und es wurde liebend gerne ein sogenanntes „Churrasco“ veranstaltet – eine Grillparty mit viel Fleisch, Wurst, Bier und einer bunt zusammengewürfelten Menschenmenge.
Diese Art von Partys mag jeder Brasilianer und es kam zum Beispiel vor, dass ich von einem Klassenkameraden einfach so zu einem Churrasco bei dem Bekannten des besten Freundes des Bruders dieses Klassenkameraden mitgenommen wurde.
Und auch meine Familie freute sich jedes Mal darüber, wenn ich ein neues Gesicht zu einem ihrer Grillfeste mitbrachte.
So lebte ich dann für den Rest meines Austauschjahres in einem zentral gelegenen kleinen gelben Haus in der Altstadt, umgeben von vielen weiteren bunten kleinen Häusern und zum Glück immer noch nahe an meiner Schule, so dass ich diese nicht wechseln musste.
Dafür musste ich nun Busfahren lernen. In meiner ehemaligen Familie wurde jeder überall mit einem der zwei Autos hingefahren. Meine neue Familie hatte kein Auto und Radfahren, wie man das in Oldenburg gern tut, kommt hier gar nicht in Frage. Und es scheint sehr gefährlich zu sein alleine auf der Straße herumzulaufen, auch wenn mir glücklicherweise nie etwas passiert ist.
Vielen Leuten entfuhr ein entsetztes „Meu Deus!“ (Oh mein Gott!), wenn ich erzählte, dass ich am Rand der Downtown wohne, überall mit dem Bus hinführe und die Bushaltestelle gute 5 Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt sei.
Tatsächlich wurde mir auch das ein oder andere Mal etwas mulmig zu Mute, wenn ich in der Dämmerung oder – noch schlimmer – im Dunkeln oder Morgengrauen, nach einer der unzähligen Partys und Konzerte, die ich miterleben durfte, durch die kleinen menschenleeren Gassen lief um wieder nach Hause zu kommen.
Aber wie bereits gesagt: Auch wenn ich mein Glück ziemlich oft herausgefordert habe, ist nie etwas passiert.
Meine Familie wollte gerne, dass ich mich möglichst unabhängig bewegen kann, also wurde mir die Sache mit dem Busfahren ausführlich beigebracht, denn es gab weder feste Abfahrtszeiten noch irgendwelche Fahrpläne, und einen Bus zum Anhalten zu bewegen ist eine Kunst für sich.
Dass das in einer Stadt mit über einer Million Einwohnern zu einem ziemlich unübersichtlichen System führt, kann man sich vorstellen.
Im Laufe der Zeit lernte ich dafür – wenn auch teilweise ungewollt – jegliche Seiten der Stadt kennen – von der schönen Altstadt mit ihren alten, bunt angestrichenen oder mit Fliesen beklebten Häuschen, über die reicheren Gegenden mit ihren Hochhäusern und bewachten Straßen, zu jeglichen Stränden der Insel und sogar bis in die Vorstadt-Slums, in denen ich mich im Bus lieber ganz klein gemacht habe, um ja keine Aufmerksamkeit zu erregen und nur ab und zu einmal vorsichtig aus dem Fenster geschielt habe, vor dem sich nicht gerade schöne Szenarien sehen ließen, unpassend unterstrichen von sorgenfreier Reggaemusik, die hier liebend gerne den ganzen Tag lang aus lauten Boxen dröhnt.
Passend zur brasilianischen Grundeinstellung: Eu tou nem aí. Was soviel heißt wie: Das ist mir alles ganz egal.
Ich finde, man sollte versuchen so viel wie möglich kennen zu lernen und so erfuhr ich dann auch am eigenen Leib, was es heißt in einer „Favela“ auf dem Land zu wohnen.
Ich bin mit einer meiner Gastschwestern und einigen ihrer Freunde aufs Land gefahren, in das ehemalige Haus ihrer Tante, einem Paradebeispiel für eine etwas geräumigere Art der Favela.
Das Haus hatte weder Strom noch fließend Wasser, das „Badezimmer“ bestand aus einer Regentonne, die in einer Ecke des zweiräumigen Hauses stand und nur von einem kleinen Vorhang vom Rest des Zimmers abgeschirmt wurde.
Diese Tonne wurde dann jeden Morgen mit Wasser aus dem Brunnen gefüllt, man konnte sich mit Hilfe dieser Tonne und einer Suppenkelle waschen und das Abwasser floss durch ein kleines Loch in der Wand in den Garten. Die Einrichtung dieses Hauses bestand aus einem kleinen Tisch und drei Stühlen, einem Gasherd und einem einzigen Bett. Wir haben auf dem Boden geschlafen, abends im Kerzenlicht Geschichten erzählt, Unmengen an Wasser geschleppt und wären fast eine Woche länger geblieben, da der einmal pro Woche fahrende Bus in die Hauptstadt nicht angehalten hatte, um uns mitzunehmen. Zum Glück gab es einen Nachbarn, der sich bereit erklärte, uns mit seinem Jeep zur nächsten Haltestelle zu fahren.
Nach dieser unglaublichen Erfahrung habe ich noch mit der Austauschorganisation und den anderen Austauschschülern die schönsten Seiten Nordostbrasiliens kennen gelernt.
Wir sind zuerst in die sogenannten „Lençóis Maranhenses“ (Bettlaken von Maranhão), einer ausgedehnten Dünenlandschaft mit vielen großen, vom Regenwasser gefüllten Lagunen, gefahren, einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe.
Und nachdem wir ein paar Tage durch Karolina, eine Stadt, die für die in der Umgebung liegenden Wasserfälle berühmt ist, gewandert sind, gingen wir für fünf Tage nach Manaus, in den Amazonas.
Dort habe ich die wohl abenteuerlichste Reise meines Lebens gemacht. Wir sind zum Beispiel stundenlang durch den Urwald gelaufen, haben Piranhas gefangen, Larven gegessen, sind mit den Amazonasdelfinen geschwommen und abends im Dunkeln mit Kanus durch den Fluss getrieben, um kleine Krokodile zu finden.
Ich habe in diesem gesamten Jahr, und schon allein auf dieser einen Reise, mehr Erfahrungen gesammelt, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Und wenn ich jetzt an den Anfang zurück denke, fällt es mir plötzlich ganz deutlich auf, wie sehr mich dieses Jahr geprägt hat und wie froh ich bin, mich auf diese Veränderung eingelassen zu haben.
Wo sonst bekommt man die Chance von einem Tag auf den anderen bei null anzufangen, ein neues Leben ausprobieren zu können und soviel über ein Land, eine Kultur, eine Sprache und vor allem auch über sich selbst und sein eigenes Leben zu lernen, wie bei einem Austauschjahr?