Bastian Meyer – Ein Jahr in Indiana
28. Mai 2009
Austausch
Bastian Meyer
Wie genau ich auf die Idee kam, als Austauschschüler für ein Jahr in die USA zu gehen, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Irgendwann fingen meine Eltern und ich an, uns über dieses Thema zu erkundigen und so stießen wir auf die Oldenburger Austauschorganisation ICX. Ich bewarb mich dort und wurde auch angenommen. Die Zeit konnte gar nicht schnell genug vergehen, bis ich endlich los konnte.
Das Austauschjahr selber begann in New York mit vielen anderen Schülern aus der ganzen Welt. Den ersten kompletten Tag verbrachten wir in Manhattan, wo wir unter anderem das Empire State Building, den Times Square, Ground Zero und die Freiheitsstatue besichtigt haben. Am folgenden Tag standen Seminare zu Themen wie Erwartungen und Ängsten auf dem Programm.
Nach drei Tagen New York ging es dann am 8. August endlich weiter zu den Gastfamilien. Meine Gastfamilie bestand aus zwei Personen: Jon und Phyllis Huisman, die beide Mitte 60 sind. Sie leben auf einer kleinen Farm außerhalb von DeMotte, einem kleinen Ort in Indiana, knapp anderthalb Stunden von Chicago entfernt. Außer ihnen und dem Hund Sparky leben auf der Farm noch Ziegen, Gänse und Hühner und sie bauen Sojabohnen und Mais an. Ihre drei Kinder sind bereits länger ausgezogen und sind teilweise schon selber Eltern. Nur letztes Jahr hatten Jon und Phyllis wieder eine weitere Person im Haus, als eine Austauschschülerin aus Potsdam für ein halbes Jahr bei ihnen lebt
Empfangen wurde ich aber nur von meinem Gastvater. Meine Gastmutter war gerade im Bundesstaat Washington ihre Tochter besuchen. Auf der Fahrt nach DeMotte zeigte Jon mir bereits die Gegend und erzählte viel über die USA. DeMotte hat sich dann ziemlich genau so herausgestellt, wie ich es mir vorgestellt hatte: Sehr landwirtschaftlich geprägt und ohne große Geschäfte außer einem Supermarkt. Die Einwohner sind größtenteils niederländischer Abstammung und sehr christlich. DeMotte stand sogar für einige Zeit im Guinness-Buch der Rekorde für die meisten Kirchen pro Einwohner.
Eine Woche vor Schulbeginn traf dann ich zum ersten Mal meine neuen Freunde. Meine Nervosität, die ich vorher hatte, legte sich sofort, als ich begrüßt wurde. Alle hießen mich unglaublich freundlich willkommen und nahmen mir so eine meiner größten Sorgen.
Als der erste Schultag näher rückte, wurde ich doch wieder ein bisschen nervöser. Ich hatte nur vage Vorstellungen von dem, was mich erwartete, und ich kannte außer den wenigen Schülern, die ich eine Woche zuvor getroffen hatte, keine weiteren Personen. Doch auch hier stellten sich meine Sorgen als unbegründet heraus. Als ich das Schulgebäude betrat, wurde ich von jedem so begrüßt, als ob wir schon immer Freunde gewesen wären. Auch die Lehrer schienen mich schon alle zu kennen und halfen mir schnell, mich an das andere Schulsystem zu gewöhnen.

Mit knapp 115 Schülern ist Covenant Christian High School (CCHS) eine kleine, christliche Privatschule, die 1999 gegründet wurde. Die Schule stellt pro Schuljahr einem Austauschschüler ein Stipendium bereit, sodass diese, ohne die knapp 6000$ Schulgeld zahlen zu müssen, am Schulleben teilnehmen können. Das Schulleben ist in den USA generell ein wichtiger Bestandteil des Alltags. Nach dem Unterricht, der normalerweise bis 15.00 Uhr geht, gibt es noch außerschulische Aktivitäten wie Sport-, Schach- und Buchclubs. Der Unterricht ist sehr einfach; die Arbeiten bestehen größtenteils aus Multiple-Choice- sowie Richtig/Falsch-Fragen und die mündliche Teilnahme am Unterricht hat selbst in Fächern wie Englisch keinen großen Einfluss (zum Teil sogar überhaupt keinen) auf die Gesamtnote. Dafür sind aber die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern viel besser, teilweise fast freundschaftlich. So wurde ich zum Beispiel von zwei Lehrern zu einem Spiel der Chicago Cubs eingeladen.
Das Angebot an Fächern ist sehr groß und umfasst mehr als nur die normalen Fächer. Es gibt zum Beispiel Child Development, wo die Entwicklung von Säuglingen unterrichtet wird, Nutrition & Wellness, wo Kochen gelehrt wird, Psychologie sowie Media, wo sich Schüler Filme angucken und anschließend bewerten. Für mich begann jeder Tag mit Band, wo ich von Anfang an erste Trompete spielen durfte. Da Band auch als richtiger Unterricht angeboten wurde, gab es sogar hier Schulnoten, die meinen sowieso schon hohen Durchschnitt noch weiter anhoben. So vergingen die Wochen mit Schule und die Wochenenden, an denen ich mich meistens mit Freunden traf.
Mitte Oktober passierte dann wieder etwas mehr: Da meine Gastfamilie nicht die Zeit hatte, mich ein ganzes Jahr zu beherbergen, hatte sie sich nur vorläufig angeboten, bis eine andere Gastfamilie gefunden war, die mich für den Rest des Jahres aufnehmen würde. Aus den ursprünglich drei bis sechs Wochen bei den Huismans wurde zwölf, aber schließlich konnte ich doch noch umziehen. Mit insgesamt sechs Kindern, von denen drei schon ausgezogen waren, war der Alltag bei den Hubers etwas lebhafter als bei den Huismans. Auch wenn mir die erste Woche bei den Hubers nicht leicht fiel, gewöhnte ich mich schnell an das andere Leben. Trotzdem hatte ich noch regelmäßigen Kontakt zu den Huismans und wurde auch immer von ihnen eingeladen.
Der Veterans Day im November war dann wieder ein besonderer Tag. Zusammen mit der anderen ersten Trompete durfte ich nach dem Gedenkgottesdienst das berühmte „Taps“ spielen, das man immer wieder bei Beerdigungen von Soldaten in Filmen hört.
Kurz darauf brach dann auch der Winter mit viel Schnee und Temperaturen um die -20°C herein. Ein paar Tage vor Weihnachten hatten wir nachts einen Eissturm, der alles mit Eis umgab und einen Stromausfall verursachte, welcher wiederum für Schulausfall sorgte. All die eisbedeckten Bäume sahen so unglaublich schön aus, dass es mir nur schwer gelang, mich auf die anstehenden Examina, die jeder Schüler am Ende jedes Halbjahres schreiben muss, vorzubereiten.

Mit dem neuen Halbjahr im Januar begannen auch die Proben zu unserem „High School Musical“. Auch wenn ich mir manchmal dachte, dass es schöner wäre, an einer großen High School zu sein, erwies sich die kleine Schülerzahl hier und auch später beim Baseball als Vorteil: Man schafft es viel leichter, in außerschulische Aktivitäten aufgenommen zu werden. Vor dem eigentlichen Beginn der Proben fragte mich die für das Musical zuständige Lehrerin, ob ich nicht Lust hätte, ihr Assistenz-Regisseur zu sein. Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen, und so verbrachte ich die Nachmittage der nächsten zwei Monate damit, bei den Proben anwesend zu sein, meine Meinung abzugeben und bei Abwesenheit eines Schauspielers dessen Rolle zu übernehmen. Mit jedem Tag wurde unser Musical besser und kurz vor den Aufführungen waren wir bereit, „You’re A Good Man, Charlie Brown“ aufzuführen. Das auf den berühmten Peanuts-Cartoons von Charles M. Schulz basierende Musical wurde bereits in den 1960er Jahren am Broadway in New York aufgeführt und war auch bei uns ein voller Erfolg. Auch wenn es viel Zeit in Anspruch genommen hat, hätte ich es auch nach den Aufführungen gerne weitergeführt.

Allerdings blieb mir nicht fiel Zeit, dem Musical nachzutrauern, denn gleich am nächsten Schultag begann die Baseball-Saison. Auch hier wurde ich aufgrund der kleinen Schülerzahl ohne Probleme aufgenommen. Mein Baseball-Wissen (das zu Beginn noch nicht vorhanden war) vergrößerte sich schnell und am Ende verstand ich alle Regeln. Da das Baseball-Programm an meiner Schule erst seit zwei Jahren existierte, waren wir nicht sehr erfolgreich und haben die meisten Spiele verloren; Spaß gemacht hat es mir trotzdem und am Ende des Jahres haben immerhin noch das letzte Spiel gewonnen.
Ende März kamen auch endlich die langersehnten Frühlingsferien. Zusammen mit meiner Gastfamilie fuhr ich nach Colorado. Die Fahrten waren mit jeweils 24 Stunden recht lang, gehören aber eindeutig zu dem Erlebnis USA dazu. Die Woche verbrachten wir dann mit Wandern in den Rocky Mountains, Entspannen und – für uns alle das erste Mal – Ski fahren.

Einen Monat später stand bereits die nächste Reise an. Als christliche Schule ist es Covenant Christian High School wichtig, anderen Menschen in Not zu helfen. Deshalb fährt jeder Jahrgang am Ende des Schuljahres für eine Woche in eine ärmere Region der USA. Die Freshmen (Neuntklässler) bleiben in der Region, Sophomores (Zehntklässler) fahren nach Michigan, Juniors (Elfter Jahrgang) fahren nach Kentucky und Seniors (Zwölfter Jahrgang) normalerweise nach Mexico. Da die Gewalt in der Stadt, in die wir eigentlich wollten, zu hoch war, entschied sich die Schule um und schickte die Seniors nur nach New Mexico. Dort verbrachten wir unsere Woche an einer anderen christlichen Privatschule, die in einem Indianerreservat liegt und einen indianischen Schüleranteil von 75% hat. Aufgrund der Armut der meisten Indianer kann die Schule nicht genug Geld durch Schulgeld einnehmen und ist daher auf Spenden und Freiwilligenarbeit angewiesen, um den Campus unterhalten zu können. So verbrachten wir die meiste Zeit mit Maler- und Klempnerarbeiten, bauten eine Terrasse an einem See oder reinigten einfach nur die Gebäude. Allerdings hatten wir auch genug Freizeit und konnten an zwei Tagen Touren durch die unglaublich schöne Landschaft New Mexicos und Arizonas machen.


Auch wenn es nicht immer einfach war, soweit von zuhause weg zu sein, war dieses Jahr doch ein wunderschönes Erlebnis, das ich auf keinen Fall mehr missen möchte. Ich konnte viele neue Freunde finden und habe viel über die USA gelernt. Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, ebenfalls als Austauschschüler für einige Zeit wegzugehen. Es wird ein unvergessliches Erlebnis werden.
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