Altes Gymnasium Oldenburg

Finn Schmidt: Ein Blick hinter den Tellerrand – High Seas High School 2008/2009

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99 Tage auf See + 99 Tage an Land = 198 Tage purer Wahnsinn

Meine Zeit unter Segeln und unter Palmen

Bericht und Fotos von Finn Schmidt

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Sonnenuntergang auf dem Atlantik


Wo soll ich anfangen? Am besten einfach ganz vorne. Alles begann mit einem Zeitungsartikel in der Nordwest-Zeitung. Klein und unscheinbar und doch von so großer Wirkung. Sofort machte ich mich daran meine Bewerbung zu schreiben, auch wenn klar war, dass die Chancen nicht allzu groß waren. Zunächst habe ich erst mal mehrere Wochen nichts mehr gehört. Und dann eines Tages kam Post:   -   „Für dich beginnt der Probetörn am Dienstag, den 24.6.08 in Travemünde…“.

Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Einen Schritt näher! Das hieß aber noch lange nichts. Der Probetörn war zum einen dazu da, dass die Schiffsführung und die Projektleitung beurteilen konnte, ob man geeignet war, aber zum anderen vor allem auch, dass wir selbst einen Einblick in das Leben an Bord bekamen und für uns entscheiden konnten, inwiefern wir bereit waren, ein halbes Jahr auf so engem Raum zu verbringen.

Es gab zwei Probetörns mit jeweils 19 Schülern. Im Prinzip hing alles davon ab, ob nur ein oder gar zwei Schiffe auf Grund des G8-Schulsystems fahren werden. Zwei Schiffe würden bedeuten, dass alle mitkommen.

Natürlich haben wir danach wochenlang nichts mehr gehört, dass ganze geriet schon fast etwas in Vergessenheit. Erst etwa einen Monat vor Abreise hieß es dann, es fahren alle mit! Unfassbar!

Am 18. Oktober sollte es losgehen, und bis dahin war noch viel zu tun, Arztkontrollen, Impfungen, Einkäufe, schulische Angelegenheiten und vor allem der ganze Papierkram…

Mein Schiff war der Zweimastschoner „Johann Smidt“. 25 Schüler, Zehnt- und Elftklässler gemischt, 4 Lehrer und 7-8 Stammleute, auf der „Astrid“ waren es 18 Schüler aus der Elften.

Das Projekt „High Seas High School“ existiert seit 1993, also war diese bereits die 16. Reise.

Das Schiff gehört dem Verein Clipper DJS e.V., ist 36 Meter lang, 8 Meter breit, hat einen Tiefgang von 3,60 Metern und eine Segelfläche von 471 Quadratmetern, und sollte nun für die nächsten Monate unser zu Hause sein.
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Die Johann Smidt

Die Johann Smidt
Dann war es soweit. Am 2. Mai liefen wir in Hamburg aus, die Astrid sahen wir erst auf Teneriffa.

Wie hat man sich da gefühlt? Alles war neu, man beschnupperte sich gegenseitig, wir kannten uns teilweise schon. Sofort hieß es mitanpacken:

Die Wache
Im ersten Monat hatten wir keinen Unterricht, zunächst einmal sollten wir den Schiffsbetrieb kennenlernen. Wir wurden in 0-4, 4-8 und 8-12 Wache eingeteilt. Dort hatte man Ruder zu gehen, stündlich die Temperatur et cetera zu messen und an den Deutschen Wetterdienst zu schicken, zu navigieren, wenn nötig das Deck zu schrubben, Manöver zu fahren und Ausguck zu gehen. In der Regel waren wir in den Wachen immer zu dritt vertreten, was natürlich für Manöver meistens nicht ausreichte. In solchen Fällen wurde dann schon mal gerne zum „All-Hands“ Manöver ausgerufen, alle waren gefragt, egal ob schlafend oder wach, egal ob soeben unterrichtet wurde oder nicht.

Eine weitere, ziemlich wichtige Aufgabe war das Wecken. Geweckt wurden immer die aufziehende Wache, die Backschaft, und die Unterrichtler, zum Frühstück, Mittagessen und Abendbrot, zuzüglich aller Sonderwünsche. Aufstehen wollte natürlich keiner und so entstanden die abenteuerlichsten Weckmethoden.

Die Backschaft
Zwar hatten wir im ersten Monat noch einen Koch an Bord, der uns vieles beibrachte, doch dann waren wir auf uns alleine gestellt. Zu dritt den Frühstückstisch decken, Brot und Brötchen backen, sauber machen, Teller, Besteck und Tassen von 36 Personen abwaschen, für eben so viele kochen, sauber machen, und wenn man dann noch Lust verspürte für den Nachmittag etwa einen Kuchen backen, sauber machen, Abendbrot vorbereiten und zu guter letzt die komplette Kombüse reinigen. Man hatte im Schnitt alle 8 Tage Backschaft.

Die Schule

Schule fand überwiegend auf See statt, acht Unterrichtsstunden täglich, jeweils im Wechsel mit Backschaft und Wache. Fächer waren bis auf Kunst, Sport, Musik und einige Sprachen alle vertreten. Wir hatten drei Lehrer dabei, einer von ihnen war zusätzlich unser Projektleiter.

Wie soll ich sagen? Der Unterricht war etwas anders… Egal ob im eintägigen Politik-Rollenspiel, in dem ein Phantasieland aus seiner Schuldenkrise gezogen werden musste, eine spontane Mathearbeit im Schlafanzug an Heiligabend, bei den Präsidentschaftswahlen für das eigene Schiff, bei Referaten, beim Sezieren von fliegenden Fischen oder sonstigem- Unterricht hieß meist nicht nur müde Theorie, sondern  Praxis und vor allem eine riesige Menge Spaß!

Kreativer, effektiver, näher an der Realität, kein Auswendig lernen, keine Bücher, die Seite um Seite gepaukt werden, und daraus resultierend eine viel höhere Motivation unsererseits. Zusammenhänge, allgemeines Verständnis und Lernen lernen standen im Vordergrund.

Der sonstige Schiffsbetrieb

In einem rotierenden System wurde bestimmt, wer die vier Toiletten putzen, wer die Messe aufräumen und wer Geschirr auf und abdecken darf.

Samstags war immer Großreinschiff, alle halfen beim Saubermachen von achtern nach vorne. Danach gab es immer einen Kinoabend.

Vor jeder Mahlzeit gab es eine stille Minute. Auf engstem Raum lebten wir, Konflikte waren da keine Seltenheit.

Unser erstes offizielle Reiseziel hieß also Teneriffa, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg… Kaum waren wir auf der Nordsee, sind wir auch schon in den ersten Sturm geraten.

Fast alle packte die Seekrankheit und schließlich suchten wir Schutz auf Helgoland. Nach zwei Tagen wagten wir uns wieder raus, mussten aber wieder umdrehen, erst am nächsten Tag sollte das Wetter wieder besser werden.

seekrankheit_kl.jpgSeekrankheit

Seekrankheit auf der Nordsee
Helgoland folgten Borkum, Den Helder (Niederlande), St. Malo (Frankreich), Lissabon, Porto Santo, Madeira, Gran Canaria und schließlich Teneriffa, wo wir auf die Astrid trafen.

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Hier verproviantierten wir neu und machten seeklar für die Atlantiküberquerung. Gemeinsam mit der Astrid erwartete uns aber noch eine ganz andere Hürde:

Der Teide

Mit seinen 3.718 Metern ist er der höchste Berg ( Vulkan) Spaniens. Bis zu einer bestimmten Höhe wurden wir hinaufgefahren, und dann hieß es samt Gepäck die steilen Wege erklimmen. Nach einer Nacht in einer kleinen Berghütte machten wir uns noch vor Morgengrauen zum Gipfel auf, um dann einen fantastischen Sonnenaufgang in luftiger Höhe genießen zu können…

Um auf die andere Seite des Teiches zu gelangen benötigten wir 3 Wochen, langweilig wurde es uns keineswegs, wir hatten reichlich schönes Wetter, Delfine, fliegende Fische, Unterricht und Wache.
Weihnachten verbrachten wir auf Martinique, was noch nicht ganz der Postkartenkaribik entsprach, doch die bekamen wir noch früh genug vor Panama auf den San Blas Inseln.

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Eine von vielen traumhaften San Blas Inseln vor Panama

Ich glaub das Bild drückt mehr aus als Worte.

Als nächstes Costa Rica. Per Bus wurden wir in die Hauptstadt San Jose gebracht und zu zweit auf Gastfamilien verteilt. Was wir nicht mitbekommen haben- kurz bevor wir eingelaufen sind gab es ein Erdbeben der Stärke 6,1. Traurige Bilanz Hunderte von Toten, noch mehr Verletzte. Rund um die Uhr liefen die Nachrichten in der Gastfamilie und, dass auch deutsche Hilfskräfte zugegen waren, machte uns gleich symphatischer, auch wenn es mit der Verständigung nicht ganz so gut klappte, war eines klar: das Land, dass etwa so groß ist wie Niedersachsen war im Ausnahmezustand, die Betroffenheit war nicht zu übersehen…

Wir verbrachten eine Woche in der Hauptstadt und bekamen täglich professionellen Spanischunterricht in kleinen Gruppen. Und siehe da, es scheint was gebracht zu haben.

Jedenfalls konnten wir uns auf unseren „Expis“, also unseren Ferien, in denen wir in 6er Gruppen durchs Land streifen durften, gut verständigen. In dieser Woche hat unsere Gruppe einiges erlebt. Nachdem wir von einer nächtlichen Vulkanwanderung, mitsamt Bad in einer heißen Quelle und Tour durch den Regenwald, wieder an unseren Zeltplatz zurückkehrten, ist unser Zelt gestohlen worden. Unsere anfängliche Ratlosigkeit wurde durch unseren Touristen-Guide Louis behoben, in einer abenteuerlichen Aktion besorgte er  Zelt samt Inhalt wieder. Die Täter waren 2 berüchtigte Cracksüchtige aus dem Dorf…

Den Rest der Zeit spannten wir an den abgelegensten Stränden aus, gingen surfen, und, und, und…

expi_gruppe_kl.jpgMeine Expigruppe im Bereich des Vulkans Arenal

Unsere letzte Woche verbrachten wir in einem kleinen Bergdorf namens Longo Mai, eine kleine Utopie, in der alle von Kaffee- und Zuckerrohrernte leben, wo wir auch bei der Ernte geholfen haben.

Von einem Traumland ins nächste: Belize, eine ehemalige Englische Kolonie bei Mexico erwartete uns. Mit einem wackligem, altem Schulbus wurden wir für drei Tage in den tiefsten Urwald gebracht. Dort halfen wir in einem Jaguarreservat Bretter zu tragen, um neues Brücken zu bauen. Wir besichtigten Mayaruinen, wo ich mein Referat über deren Kalendersystem gehalten habe, ließen uns über die wirksamsten Heilpflanzen der Mayas belehren und verbrachten schließlich als absolutes Highlight drei Nächte auf der Insel „Half Moon Caye“.

Mit bis zu 40 Knoten jagten wir in kurzer Zeit an traumhaften Riffen entlang in Schnellbooten zu unserem Ziel. Die Insel ist ein „Natural Monument“, also ein Naturschutzgebiet mit der höchsten Schutzstufe die ein Fleckchen Erde haben kann, da dort seltene Tierarten leben.

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Half Moon Caye

Täglich fuhren wir mit den Booten zu den schönsten Riffen der Umgebung, entweder zum Schnorcheln oder für alle die einen Schein haben, zum Flaschentauchen. Riesige Fischschwärme, Rochen, Haie, Schildkröten, Barrakudas…

Aber bekanntlich soll man ja aufhören, wenn es am schönsten ist, und so nahmen wir Kurs auf Kuba.

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“Half Moon Caye“ vor Belize

Kuba war für mich persönlich eines der schönsten Ziele. In Pinar del Rio checkten wir drei Nächte im Hotel ein (ein unvorstellbarer Luxus für unsere Verhältnisse damals!), besuchten Rumdestillerien und Zigarrenmanufakturen.

Da wir offiziell keine Touristen, sondern deutsche Staatsgäste waren, durften wir auch hinter die bröckelige Fassade schauen und am Unterricht der „Frederico Engels“ Schule teilnehmen.

Neben normalem Schulunterricht steht dort auch Wehrunterricht auf dem Lehrplan. Marschieren, schießen, Parkours samt Stacheldraht absolvieren, sich gegenseitig Deckung geben…
Alles frei nach dem Motto: „ Was hier an Schweiß vergossen wird, wird im Krieg an Blut gespart.“

Nunja, sicherlich Ansichtssache.Den Rest der Zeit genossen wir den morbiden Charme der Hauptstadt und Touristenhochburg Havanna. Gespräche mit Deutschstudenten zeigten uns auch die dunklen Seiten des Lebens auf Kuba. Die konnten der unglaublichen, kubanischen Lebensfreude anscheinend rein gar nichts anhaben…

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Frederico Engels Schule

Doch auch diese Zeit verging wie im Fluge, und ehe wir uns versahen, lagen auch schon die Bahamas, Bermudas und die Azoren hinter uns. Nach einem kurzen Halt in England (Falmouth), und einem Wiedersehen mit Helgoland, war schließlich das Ende einer unvergesslichen Reise

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Die Wiedersehensfreude war groß, doch viel größer noch war der Abschied. Erst Tage später sollte uns klar werden, was für eine wahnsinnige Zeit wir hinter uns hatten.

An dieser Stelle könnte ich natürlich verschiedene Faktoren aufzählen, wie an seine Grenzen gehen, Erfahrungen sammeln, Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit, sich selbst kennenlernen…

Aber das will heutzutage ja keiner mehr hören…

Und kaum hatte ich mich innerhalb kürzester Zeit wieder an den Alltag gewöhnt, packte mich auch schon wieder das Fernweh…

Finn Schmidt

Ein Segelschiff hinterlässt keine Spuren im Meer, nur in der Seele.

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