Hergen Wolf: “Vive Hergen la France!”
1. Juni 2009
Austausch
Hergen Wolf
Nach der Zusage der Organisation AFS (American Field Service), zahlreichen ausgefüllten Formularen, dem frühen Erhalt meiner Gastfamilie im April, realisierte ich erst eine Woche vor meiner Abreise, am 21. Ausgust , dass mein “Abenteuer” bald losgehen würde.
Donnerstags morgens um 5 Uhr bin ich mit meiner Schwester und meiner Mutter zum Flughafen nach Bremen gefahren, da sich alle AFS Austauschschüler am Flughafen in Frankfurt treffen müssen, sodass mein Flug von Bremen nach Frankfurt fast länger gedauert hat, als der von Frankfurt nach Paris. Der Abschied fiel mir schwer. Als ich jedoch in Paris alle Austauschschüler traf, ging es schon deutlich besser, da jeder in derselben Situation war und man seine Gefühle teilen konnte.
Nach weiteren zwei Tagen Vorbereitung auf die Gastfamilien, das Leben in Frankreich und einer Besichtigung von Frankreichs Hauptstadt Paris, nahmen ich und circa 15 weitere Austauschschüler aus zahlreichen Ländern wie Brasilen, den USA, Argentinien, Dänemark, Japan, China, Paraguay, Italien und Island den Zug Richtung Clermont Ferrand.
Als wir den Bahnhof von Clermont erreichten, konnte ich schon von weitem den Puy de Dome sehen, einen erloschenen Vulkan von etwa 1500m, hinter dem ich mein neues Zuhause finden würde.
Als ich aus dem Zug stieg , bin ich nicht aufgrund der Aufregung, sondern eher aufgrund des Hitzeschockes fast kollabiert, da es deutlich wärmer war als in Paris. Schell konnte ich meine Gastfamilie entdecken und hörte meine Gastmutter Gène rufen “ Il est là !!”. Nach herzlichsten Begrüßungen mit zwei Wangenküssen und der ersten Bekanntmachung in einem schwachen Französisch oder zu der Zeit noch deutlich besserem Englisch, sind wir zusammen nach Ceyssat gefahren, welches sich etwa 18 km entfernt von Clermont Ferrand befindet.

Die große Familie
Ceyssat ( spricht sich aus wie “c’est ça”, ist es aber nicht wirklich;) gehört nicht gerade zu Frankreichs größten Metropolen mit seinen 421,5 Einwohnern und ebenso zahlreichen Kühen, wird aber von einer unglaublich netten, offenen, liebevollen Gastfamilie Boyer bewohnet, die ein ebenso unglaubliches siebtes Familienmitglied bekommen hat

Meine Gastmutter Gène, die eigentlich Gèneviève heisst, ist Grundschullehrerin in Ceyssat und bekam nun mit mir ein fünftes Kind nach meinen Gastschwestern Manon (17), Justine (14), Zoé (5) und meinem Gastbruder Lucas (11).
Pacal , mein Gastvater, ist aufgrund seines Nebenjobs, nämlich Schlagzeugspieler in einer keltischen Rockbands namens « Megalithes », relativ bekannt und gab einige Konzerte. Zusätzlich ist er Friseur in Clermont Ferrand und da er dadurch zahlreiche Menschen kennt und Franzosen generell sehr viel und sehr gerne reden, war er (leider) immer bestens darüber informiert, was sein Gastsohn in Clermont Ferrand treibt.
Blick von unserem Balkon aus auf den Puy de Dome
Clermont Ferrand entstand eigentlich nur aufgrund der relativ bekannten Reifenindustire Michelin, in der ein Großteil, der hier lebt, arbeitet. Die Außenbezirke mit einberechnet wohnen hier etwa 300.000 Einwohner. Seit 2000 hat die Stadtverwaltung versucht, das Stadtleben zu verschönern, da angeblich vor 10 Jahren die Innenstadt, besonders der Place de Jaude, nicht sehr zuvorkommend gewesen sein soll.
Da weder eine Zug noch eine Busverbindung nach Ceyssat existiert, bin ich immer auf meine Gasteltern angewiesen, falls ich in die Stadt möchte. Anfangs hatte ich mir das komplizierter vorgestellt, aber da ich in Clermont Ferrand zur Schule gehen und am Wochenende bei meinen Freunden schlafen kann, habe ich einen sehr guten Mittelweg gefunden.

Die Innenstadt « Place de Jaude »
Seit Anfang September gehe auf das Lycée «Jeanne d’Arc», in dem die drei Endstufen (Seconde, Première, Teriminal) vor dem Baccalauréat, dem Abitur in Frankreich, vertreten sind. Trotz nur drei Jahrgängen gehen etwa 1300 Schüler auf mein Lycée, welches früher mal ein Gefängnis war, ich mich aber nie wie in einem fühlte

Da die Franzosen, wie sicherlich bekannt, ein nicht sehr flüssiges Englisch sprechen, war ich von Anfang an gezwungen, mir die neue Sprache anzueignen.
Anfangs fiel es mir, durch meine Sprachkenntnisse behindert, ein wenig schwer, mit meinen Klassenkameraden zu kommunizieren und habe schließlich nach einem Monat nach dem Schulanfang in den wirtschaftlich-sozialen Zweig gewechselt, da der wissenschaftliche Zweig mir nicht sehr lag.
Die Schule hat wirklich einen sehr hohen Stellenwert in Frankreich. Von Beginn an waren die langen Schultage bis 18 Uhr nicht sehr einfach, da ich auch nicht vor 19 Uhr zuhause war .
Das franzoesische Schuljahr ist in Triemester eingeteilt. Ich fand die Schule allgemein nicht schwrieriger als die Deutsche ,wobei die Lehrmethoden jedoch deutlich unterschiedlicher sind. Eine relativ übliche Unterrichtsform ist Frontalunterricht, an den ich mich erst einmal gewöhnen musste. Für die zahlreichen Arbeiten lernte ich den diktierten Unterricht auswendig, um den Lernstoff so nahe wie möglich wiederzugeben. Ich fand es sehr schade, dass die Schüler wirklich sehr wenig Interesse am Unterricht zeigten und nur für die Arbeiten lernten. Im Endeffekt jedoch verständlich, da, außer in den Fremdsprachen, keine mündlichen Noten gegeben werden.
Nach dem zweiten Trimester hatte ich einen Gesamtdurchschnitt von 12,97 von 20 Punkten und war damit 5. meiner Klasse. Grund für meine relativ gute Note ist der schwache Englischunterricht und, dass ich nicht in Französisch benotet wurde, da die Franzosen in der Literatur, meiner Meinung nach, deutlich fortgeschrittener sind.
Wie fast jedes Jahr haben die Schüler gegen die neue Schulreform gestreikt. Unter Streik verstehen die Franzosen jedoch anderes. Ich denke, dass die folgende Definition eines Freundes die Situation sehr gut beschreibt: “ Die Deutschen diskutieren zuerst, falls es keine Lösung gibt, streiken sie. In Frankreich ist das umgekehrt”.
So kam es dazu, dass ich im Dezember vier Wochen Ferien hatte und den Eindruck bekam, dass alle nur für den Streik waren, um mehr Ferien zu bekommen.
Um den Unterricht zu verhindern wurden alle Ein- und Ausgänge des Lycées mit Tischen und Stühlen versperrt und es herrschte eine regelrechte Anarchie.
Stuhlblockade
Da man sehr viel Zeit in der Schule verbringt, gelang es mir nach drei Monaten, erste gute Freunde zu finden, da meine Französischkenntnisse nun auch deutlich ausgereifter waren. Grund für meine Fortschritte war sicherlich auch der Französischunterricht für Ausländer, der von meiner Schule, in der sich recht viele Austauschschüler befinden, drei mal die Woche angeboten wurde.
Ich habe von Anfang an versucht, mich mehr mit meinen französischen Freunden zu beschäftigen, da ich eben in Frankreich war und nicht in woanders.
Ich rate unbedingt, jedenfalls nach meinen Erfahrungen, ein ganzes Jahr im Ausland zu bleiben, da ich erst nach fünf Monaten mich richtig in die Familie eingelebt hatte und meinen Freundeskreis deutlich vergrößert hatte.
Meine Freunde und ich an meinem Geburtstag
Mit meiner Familie, aber besonders mit meinen beiden Gasteltern, hatte ich ein sehr enges Verhältnis. Nach einiger Zeit begann ich “Mama” und “Papa” zu ihnen zu sagen und jedes mal, wenn ich anfing, mit jemandem über meine “Familie” zu reden, fragten sie mich, ob denn meine Familie aus Deutschland gekommen sei. Die neue Erfahrung, kleine Geschwister zu haben, war für mich sehr interessant, teilweise ein wenig anstrengend, zum Beispiel wenn meine kleine Schwester mit mir spielen wollte oder begann auf meinem Bett rumzuspringen ,als ich gerade Hausaufgaben machte.
Das Leben in einer derart großen Familie war genau das ,was ich mir gewünscht hatte.
Meine beiden “Eltern” und besonders mein Vater Pascal lehrte mich viele Dinge, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
Es kam jedoch auch dazu, dass ich mich einige Male mit meiner Familie gestritten habe, wir uns jedoch anschließend immer wieder versöhnt haben.

Meine Familie
Während meines Jahres in Frankreich hatte ich nicht allzu viele Möglichkeiten zu reisen, da meine Gasteltern viel arbeiten und dabei noch fünf Kinder haben, meiner Meinung nach bewundernswert.
Mit AFS haben wir die Möglichkeit, für maximal zehn Tage alleine zu verreisen. Diese Möglichkeit wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und bin in den Frühjahrsferien für eine Woche zu einer Freundin nach Bordeaux gefahren. Mit AFS ist das trampen verboten, sodass ich den Zug nehmen musste. Es war unglaublich amüsant, sich nach einem Jahr wiederzusehen. Wir erinnerten uns, wie wir im vorherigen Jahr Bilder gezeichnet hatten, um uns besser zu verständigen.
Mit meiner Gastfamilie bin ich im Februar für eine Woche in den Alpen Skifahren gewesen – das erste Mal in meinem Leben. Anfangs hatten besonders meine Gastgeschwister daran gezweifelt , dass ich die Woche lebend überstehen würde und waren letzten Endes doch beeindruckt.
In der Auvergne gibt es aufgrund des Mittelmassives auch zahlreiche Skistationen, sodass ich zwei Wochenenden mit Freunden Skifahren gewesen bin.

Clermont Ferrand ist für seinen sehr erfolgreichen Rugbyverein “ASM” bekannt, der gerade auf einem sehr guten Weg ist, die französische Meisterschaft zu gewinnen.
Ich hatte zwar noch nie im meinem Leben vorher Rugby gespielt und kannte daher auch keine der Regeln, hatte jedoch viel Interesse eine andere Mannschaftssportart als Fussball kennen zu lernen.
Das größte Problem war jedoch nicht überwunden, da es in meinem Dorf keinen Rubgyclub gab und deshalb nur einer in Clermont Ferrand in Frage kam und ich zusätzlich jemanden benötigte, der mich nach dem Training mit nach Hause nehmen konnte. Aufgrund des großen Freundeskreis meiner Gasteltern konnte ich zwischendurch in drei verschiedenen Clubs spielen, welche jedoch in keinem der Fälle meinem Alter entsprachen, sodass ich mich an einen Ehrenamtlichen meiner Organisation wandte , der selber mal ein großer Rugbyspieler gewesen ist. Nach vielem hin und her, was immerhin vier Monate dauerte, begann ich schließlich Anfang des neuen Jahres, professionell im einem Club in Clermont zwei mal die Woche zu spielen. Schließlich erhielt ich auch meine Lizenz für die “matches”.
Ich bin sehr fazieniert von dieser Sportart, die viel Mannschaftsgeist fordert sowie häufig auch Haut und Blut.
Der Sport tat mir sehr gut, da ich viele neue Leute in meinem Alter kennen lernte und es einfach der beste Weg ist, Freundschaften zu schliessen.



Rugby ASM
In diesem einen Jahr habe ich so viele neue Ehrfahrungen gemacht, neue Menschen und mich selber kennengelernt und eine zweite Familie auf Ewigkeit gefunden. Ich rate jedem, der die Möglichkeit bekommt, ein Jahr im Ausland zu verbringen, es auf jeden Fall zu nutzen, da man es eher bereuen wird, es nicht getan zu haben als umgekehrt.
Egal in welches Land man kommt, egal in welche Familie, überall wird es Hoch- und Tiefpunkte geben und am Ende wird man Erfahrungen für sein Leben erhalten, die keiner einem nehmen kann.
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