Altes Gymnasium Oldenburg

Lara Kaminski – Ein Jahr in Kanada

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Wenn ich an den Anfang meines Jahres hier in Kanada zurück denke kommt es mir vor als wäre es eine Ewigkeit her seitdem ich aus dem Flugzeug in Toronto gestiegen bin und gleichzeitig fühlt es sich an als wäre ich erst gestern in meinem neuen Zuhause  angekommen. Wahrscheinlich wird man aus meinem folgenden Bericht es  heraushören können, dass es mir hervorragend geht und ich es gut angetroffen habe.

Letzten Mai bekam ich die Nachricht, dass es mich in meinem Austauschjahr nach Kanada verschlagen würde, genauer gesagt Georgetown, eine kleine Vorstadt der Millionenstadt Toronto. Ich war mehr als gespannt und aufgeregt ein Jahr weg von zu Hause und dem Gewohnten zu verbringen, neue Leute kennen zu lernen, Freundschaften fürs Leben schließen zu können und eine andere Sprache zu lernen. All das in einem Land, dass mir zu dem Zeitpunkt noch fremd war aber das schnell meine zweite Heimat wurde.

Im August 2008 war es endlich so weit und ich landete am Lester. E. Pearson Airport in Toronto und zusammen mit einigen anderen Rotary- Austauschschülern ging es in das bis da hin größte Abenteuer meines Lebens. Ich war gespannt und aufgeregt endlich da zu sein und als ich endlich mein Visum in der Hand hielt und all mein Gepäck beisammen hatte war es so weit, dass ich durch die berühmt berüchtigten Glastüren gehen und meine erste Gastfamilie treffen konnte. Ich kam von einer Familie wo ich als Einzelkind aufgewachsen war in eine Familie mit vier Geschwistern. Meine Gastfamilie, die Deligiannis -  Familie, war einfach toll. Meine Gastmutter, Nancy war die beste Ersatzmama die man sich hätte wünsche können, meine Gastvater Dino gab mir schon am ersten Tag den Spitznamen Lari den ich auch so schnell nicht wieder los wurde. Meine zwei jüngeren Gastbrüder Chris und Nick hielten mich jeden Tag auf trapp, machten mich mit den Regeln des Eishockeys bekannt. Meine Gastschwester Katryna konnte mir alles über Toronto und die kanadische Marketingindustrie erzählen und mein Gastbruder Adrian der gerade erst mit der Uni angefangen hatte wollte sicherstellen, dass ich auch ja genug aus dem Haus kam und die ´coolsten´ Leute aus Georgetown kennen lernte. Vom ersten Moment an fühlte ich mich dazugehörig und willkommen und es gab nicht einen Tag in den ersten Wochen an denen ich Zeit hatte Heimweh zu bekommen . Für die ersten zwei Wochen hatte ich noch keine Schule also nutzen Gasteltern die Gelegenheit mir alle großen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung zu zeigen. Wir fuhren an die Niagarafälle und auf der ´Maid of The Mist´, ein Boot das a den Wasserfällen entlangfährt wurde ich in mit Niagarawasser offiziell zur Halb-Kanadierin gemacht. Wir besuchten den Toronto-Zoo,  den drittgrößten Zoo weltweit und  fuhren natürlich in das 30 Minuten entfernte Toronto, eine der wohl multikulturellsten Städte der Welt. Ich wurde mit all den riesigen Einkaufszentren in der Umgebung vertraut gemacht worunter meine Kreditkarte dann leider auch erheblich leiden musste und ich besuchte den CN-Tower, das 4. Höchste Gebäude der Welt.

Dann kam letztendlich jedoch der Tag auf den ich sehr lange gewartet hatte. Mein erster Schultag. Schon bei der Kurswahl wusste ich, dass ich mich in der Schule wohl fühlen würde. Alle Lehrer und Schüler waren sehr hilfsbereit und sehr interessiert an meiner Heimat und dem Austauschprogramm und ich war genauso neugierig herauszufinden welche der Filmmythen über High Schools denn nun wahr waren.

Die Schule hier in Kanada ist wesentlich anders organisiert und aufgebaut als in Deutschland. Mein Schulbus fuhr jeden Tag ungefähr um 08:20 Uhr ab und Schule beginnt hier um neun Uhr. Nachdem man alle wichtigen Sachen und Bücher für spätere Stunden oder nasse Winterstiefel im Spind verstaut hat kann man zur ersten Stunde gehen. Jeden morgen,  nachdem die Nationalhymne ´O Canada´ gespielt wurden, durch Lautsprecher alle wichtigen ´Announcements´ an alle Schüler durchgesagt. Man muss also zehn Minuten vor Beginn in der Klasse da sein. Wer sich in diesem Zeitraum in den Fluren aufhält muss genau an dem Platz stehen bleiben an dem er ist,  und es darf nicht gesprochen werden. Lehrer stehen in jedem einzelnen Flur Aufsicht. Die Georgetown District High School hat ungefähr 1500 Schüler und ist 130 Jahre alt. Mein Stundenplan unterscheidet sich grundlegend zu dem in Deutschland. Ich habe insgesamt nur acht Fächer im gesamten Schuljahr,  aber nur 4 pro Halbjahr. Das bedeutet, dass ich jeden Tag in der Woche für 5 Monate die gleichen Fächer habe. Man hat 5 Pflichtfächer, Englisch, Mathe, Geschichte, Naturwissenschaften und ´Civics & Careers´ was viel mit Politik und Berufsorientierung zu tun hat. Die restlichen drei Fächer kann man sich selbst Aussuchen. Es gibt Kurse wie Business, Architektur, Theater, Umwelt und Resource Management, Technik und viele weitere interessante Themenbereiche aus denen man sich etwas aussuchen kann. Für mich waren es letztendlich Reisen & Tourismus, Business und Theater.

Jede Klasse geht eine Stunde und fünfzehn Minuten. Das schließt die Mittagspause mit ein. Jeder Schüler hat seinen eigenen Stundenplan , was bedeutet, dass man jede Stunde neue Leute trifft. Es ist generell ein ruhigeres Lerntempo und hier drüben gibt es keine mündlichen Noten. Die Note die man bekommt hängt ganz allein von den Tests, Hausaufgaben, Projekten und den Examen am Ende des Halbjahres ab. Auch wenn dies die einzigen Punkte sind die gewertet werden herrscht in der Regel immer ein sehr reges aber ein weniger formales Unterrichtsgespräch.

Die Lehrer sowie auch die Schüler waren – so empfand ich es – sehr aufgeschlossen und hilfsbereit und es herrscht generell ein entspanntes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und man fühlt sich durch Sportteams, Debattierclubs und andere Clubs mehr mit der Schule verbunden.

Eine weitere Sache an die ich mich zuerst gewöhnen musste, weil es etwas anders war als in Deutschland war die Kleidung. Es ist nichts Ungewöhnliches Schüler in Sporthose und Hausschuhen in der Schule zu sehen ohne, dass diese schräg angeguckt werden. Das ist hier etwas völlig Normales.

Ich kann ehrlich sagen, dass ich meine Zeit in der Schule sehr genossen habe. Ich habe viele Freundschaften schließen können und habe Mentoren in meinen Lehren gefunden die immer wieder sicher stellten, dass ich mich in meiner neuen Umgebung wohl fühlte, mit den anderen mithalten konnte und all die nötigen Vokabeln fuer meine Aufgaben hatte.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil meines Austauschjahres war Rotary, meine Austauschorganisation. Georgetowns Rotary Club nahm mich von Anfang an hervorragend auf. Alle Rotarier kümmerten sich rührend um mich, luden mich zu Grillabenden und Theateraufführungen ein und sorgten dafür, dass ich jeden Freitagmorgen um 7 Uhr ein gutes Frühstück bekam – das waren die Tage der Meetings.

Bevor dem Beginn des Frühstück wurde auch hier  jedes Mal die kanadische Nationalhymne gesungen. Das ist hier nichts ungewöhnliches. Die Kanadier haben einen gesunden Patriotismus der sich dennoch wie sie immer wieder betonen, sehr von dem der Amerikaner unterscheidet.

Das Frühstück ist hier drüben generell größer als in Deutschland , beispielsweise isst man hier ´French Toast with Bacon´ oder ´Eggs Benedict´, ´Pancakes´ oder ´Waffles´. Ja, das Frühstück ist doch etwas anders hier in Kanada und ich muss gestehen, dass ein Brötchen mit Salami zwischendurch doch sehr verführerisch klang. Wenn man ein ‘fried egg’ bestellt,  bekommt man ein riesiges Spiegelei zusammen mit Bratkartoffeln und Toast und natürlich läuft auch nichts ohne Ketchup.

Außer der wöchentlichen Meetings schaffte Rotary es allerdings noch etwas anderes, tolles auf die Beine zu stellen. Ungefähr alle zwei Monate wurden Wochenenden organisiert an denen alle Autauschschüler aus der Umgebung sich treffen konnten und echte, kanadische Unternehmungen machen konnten. Vom ersten Treffen an wuchsen wir zu einer unglaublich festen Gruppe zusammen. Wir waren beste Freunde am Tag nachdem wir uns kennen gelernt hatten und blieben auch über die zeit in der wir keinen Wocheneden hatten miteinander in Kontakt.

Es waren ungefähr 15 Austauschschüler aus Thailand, Japan, Finnland, Schweiz, Österreich, Frankreich und Ecuador. Nach einem Campingwochenende im September, einer Konferenz im Oktober, einer Weihnachtsparade (In der wir als Boxen verkleidet durch die Straßen hüpften), und einem Trip an die Niagarafälle kam allerdings das Highlight der Austauschschüler Treffen: Camp Wanakita.

Vom 1. Bis zum 4. Februar kamen alle Austauschschüler und künftigen Austauschschüler zusammen um wohl eines der aufregendsten Wochenenden unseres Lebens zu verbringen. Wir hatten den kanadischen Winter schon recht gut überstanden aber die Rotarier dachten sich, dass wir den Winter wohl doch lieber noch mal richtig kennen lernen sollten. Wir fuhren drei Stunden nördlich in ein kleines Städtchen namens Haliburton das bekannt ist für wunderschöne unberührte natur und viele kleinen Wochenendhäuser um idyllische kleine Badeseen. Aber nach baden war uns zu der Zeit nicht zu Mute.  Unsere Aufgabe war es unsere eigenen Quinzhees zu bauen. Wenn man sich jetzt fragt: Was in aller Welt sind Quinzhees dann weiß man genau wie wir uns gefühlt haben. Quinzhees sind im Grunde Iglus, nur nicht aus Eis, sondern aus Schnee gebaut. Wir arbeiteten Stunden daran riesige Berge an Schnee aufzuschaufeln, sie auf Stabilität zu prüfen und auszuhöhlen um anschließend darauf einen Nacht in ihnen zu verbringen – Bei Außentemperaturen von – 30°C. Wir alle hatten unglaublich viel Spaß daran alles über das Überleben in der Kälte zu lernen, über das kanadische Wetter und viele andere Dinge. Aber das war nicht alles was wir im Camp Wanakita erleben durften. Wir alle gingen auf einen Langlaufski-Trip den vor allen die Süd-Amerikaner genossen (Schwerkraft schien aus unerklärlichen Gründen in Schnee stärker zu sein). Wir hatten mehrer Male die Möglichkeit ´Toboganning´ zu gehen , ein kanadisches Wort für Schlittenfahrt. Am 3. Tag kam dann das nächste Highlight unseres Trips. Wir bekamen die Gelegenheit auf einen siebenstündigen Trip durch den dichten Nadelwald auf Schneeschuhen zu gehen, durch meterhohen, unberührten Schnee. Die einzigen Hilfsmittel die wir hatten um den Weg zurück zu finden waren ein Kompass und eine Landkarte. Wir hatten natürlich einige Rotarier dabei und eine Wanakita-Expertin aber sie selbst war die Route noch nie gelaufen. Es war eine der aufregendsten Erfahrungen die ich je machen konnte.

Alles in Allem hatte ich einfach ein fantastisches Jahr. Ich hatte die Möglichkeit tief in eine andere Kultur einzutauchen, unglaublich viele neue interessante Leute kennen zu lernen und mich mit einer Fremdsprache vertraut zu machen. All das waren olle Aspekte die eine wichtige Rolle in meinem Austauschjahr gespielt haben aber ich muss sagen, dass das was ich am meisten geschätzt habe die zwei neuen Familien sind die immer Bestandteil meines Lebens sein werden. Ich habe zwei Vater, zwei Mütter, drei Brüder und drei Schwestern in nur einem Jahr dazugewonnen. Ich habe gelernt, dass das Verhalten vieler Menschen unglaublich viel mit der Geschichte eines Landes zu tun hat und mit den vielen verschiedenen Kulturen die man in ihm finden kann. Ich habe gelernt, dass Kanadier zu den wohl aufgeschlossensten und freundlichsten Menschen gehören die es gibt. Vor allem habe ich eine zweite Heimat dazubekommen. Ich weiß, dass das Ende meines Austauschjahres gekommen ist aber ich weiß, dass ich immer zurück zu meinen Freunden und Familien kehren werde, weil es einfach Bestandteil meines neuen Lebens ist. Dieser Austausch hat mein Leben komplett verändert und ich weiß gar nicht wie ich mich dafür bedanken kann, dass man mir die Chance gegeben hat dieses Erlebnis gemacht haben zu dürfen.

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