Altes Gymnasium Oldenburg

Marcel Zirpins: “297 Tage Urlaub”

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Es war im Januar 2008 als ich eines Mittags nach Hause kam und im Briefkasten ein Brief mit der kleinen Aufschrift AIFS lag. An diesem Tag sandte mir meine Austauschorganisation die Daten meiner Gastfamilie, die Familie, bei der ich für 10 Monate bleiben würde. Ich entnahm den Unterlagen, dass meine Gastfamilie namens Gambill – wohnhaft in Montana (viertgrößter Staat in den USA) -  aus 7 Leuten bestehen würde. Dem Brief nach hatte ich drei Gastschwestern, die, zur Zeit meiner Ankunft, bereits alle im College sein würden. Kelsi, die älteste der drei Schwestern, ist 20, Rachel und Nicole beide 18 Jahre alt. Mein Gastbruder Tanner ist 15 Jahre alt und liebt es Football zu spielen. Außerdem stand im Brief, dass meine Gasteltern, Curt und Karla Gambill, ihr eigenes Unternehmen namens „C&K Meats“ führen. Der Brief enthielt außer einer Karte, der Adresse und ein paar Hobbies kaum noch weitere Informationen. Das erste was ich natürlich tat, war, dass ich im Internet Informationen über meinen Wohnort recherchierte. Ich war schon etwas schockiert, als ich las, dass Forsyth nur ungefähr 2000 Einwohner hatte und dass Montana als viertgrößter Staat der Vereinigten Staaten und einer Fläche größer als Deutschland nur die Einwohnerzahl Kölns hatte. In weiteren Briefen meiner Organisation die folgten wurden mir weitere Daten und Informationen zum Austausch sowie mein Abflugdatum genannt.
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Mein Weiterflug ging von Newark über Denver nach Billings in Montana. Schon als ich am Flughafen ankam sah ich, dass dieser Staat sehr gering bevölkert sei. Es gab am Flughafen in der größten Stadt des Staates nur 2 Kofferbänder. Ich sah sofort meine Gastfamilie und jeder begrüßte mich herzlich. Jedoch waren nur meine Gastmutter, Tanner und mein lokaler Betreuer da. Der Rest war arbeiten, ist zuhause geblieben oder war im College. Ungewöhnlich für mich war, dass ungefähr 50% der Fahrzeuge, die von Privatbesitzern gefahren werden, Pickups und Trucks sind. Nach einer kurzen Bekanntmachung sind wir dann zu einer Mall gefahren. Das war schon sehr interessant, vor allem, da wir einen Basketballkorb für zuhause gekauft haben.
Nach einer knapp zweistündigen Fahrt durch eine sehr karge und trockene Landschaft bin ich dann gut, aber müde in meinem neuen Zuhause angekommen. Unser Haus war sehr einsam gelegen, man konnte jedoch noch andere Häuser sehen. Zwei Tage nach meiner Ankunft haben wir dann einen Ausflug an einen schönen See gemacht. Das Wetter und das Wasser waren sehr warm. Da meine Gastfamilie ein großes Boot mitgebracht hatte konnten wir dann „tuben“ gegangen. Dabei haben wir einen großen, mit Luft gefüllten Ring mit einer langen Leine am Ende des Bootes befestigt und sind dann mit ungefähr 40 km/h über den See gesaust während sich eine andere Person am Ring festhielt. Am Ende des Tages waren wir alle sehr erschöpft.tuben_kl.jpgZwei Tage später hat dann auch schon unser Footballtraining angefangen. Die ersten beiden Tage habe ich nur zugeguckt. Ausgerüstet wurden wir dann am dritten Tag und haben unsere Trikots und Schützer bekommen. Mit der Ausrüstung wurde dann immer trainiert und da wir genau im Hochsommer waren, hatten wir bei jedem Training schätzungsweise 35°C. Auch wenn ich oft mit dem Gedanken gespielt hatte, aufzuhören, habe ich mir gesagt, dass es mich in Richtung Sport nur vorwärtsbringen würde und zudem hat mir meine Familie auch dazu geraten. Die Saison war schon eine tolle Erfahrung und eine gute Chance Leute vor dem Beginn der Schule kennenzulernen. Ein Unterschied zum deutschen Sport ist, dass hier jedes Team mindestens 3 Coaches hat. Diese arbeiten dann mit verschiedenen Spielern an einzelnen Bewegungen und Kondition.

Am 27. August fing dann auch endlich die Schule an. Ich war sehr aufgeregt. Ein paar Tage vor Beginn hatte ich ein Gespräch mit meinem Schulleiter und habe gleichzeitig meine Fächer gewählt. Obwohl die Schule jeden Tag von 08:15 Uhr bis 15:32 Uhr ging, habe ich trotzdem nur sieben Unterrichtsstunden gehabt. Meine Lehrer waren alle sehr nett. Insbesondere mein Geschichtslehrer und meine Spanischlehrerin waren sehr an der deutschen Kultur interessiert und haben viele Fragen gestellt. Hier läuft der Unterricht jedoch etwas anders ab als in deutschen Schulen. Zum Beispiel in Geschichte. Jeden Tag lesen wir ein Kapitel und schreiben zu den darin dickgeschriebenen Wörtern die Definition heraus. Am folgenden Tag werden diese dann in einem kleinen Test abgefragt. Daher ist der Unterricht eher stumpf und wird schnell langweilig. Unsere Mittagspause hatten wir dann von 12:03 Uhr bis 12:40 Uhr. Da jeder sein eigenes Auto hat waren alle sehr mobil und schnell beim örtlichen Fastfood-Restaurant oder  der Tankstelle. Ich hatte wirklich Glück. Ich musste nicht jeden Tag circa sieben Dollar für mein Essen bezahlen. Tanner und ich sind einfach zum „Meatshop“ gefahren und da standen dann immer unsere von Curt und Karla selbstgemachten Burger oder Sandwiches bereit.  Ein Genuss! Danach ging’s dann wieder ab zur Schule.
Im Herbst ging’s dann nach der Schule ab zum Footballtraining, im Winter zum Basketballtraining und im Frühling zum Leichtathletik. Zuhause war ich dann immer ungefähr um 18:00 oder 18:30 Uhr. Da man hier ja so gut wie keine Hausaufgaben bekommen hat, konnte ich den Rest des Abends entspannen. Anders als zuhause in Deutschland gab es dann abends auch noch einmal warmes Essen.
Zwischen dem Ende der Footballsaison und dem Beginn der Basketballsaison gab es ca. zwei Wochen, in denen ich nachmittags frei hatte. Beim ersten Treffen mit unseren Coaches wurden uns die Trainingszeiten und die Daten unsere anstehenden Spiele genannt. Ich war schon etwas erschrocken als mir klar wurde, dass wir die erste Woche zwei Mal Training an nur einem Tag hatten. Das bedeutete, wir mussten morgen von sechs bis halb sieben trainieren und dann nochmals nach der Schule. Das erste Training hat mich wirklich umgebracht. Wir hatten Mülleimer für diejenigen an der Seitenlinie, die sich beim Frühstück nicht zurückhalten konnten und es wegen des ganzen Sprintens wieder ausgespuckt haben. Und dann gab es da noch den „Six Minutes-Drill“ und den „Seven Minutes-Drill“. Beim 6 Minuten Drill wurde das Team in 2 Gruppen aufgeteilt und beide mussten sich an der Grundlinie des Basketballfeldes aufstellen. Die digitale Uhr an der Seitenlinie wurde auf 6 Minuten gestellt und nachdem der Coach und das Signal gegeben hat, sprintete die erste Gruppe zur anderen Seite des Feldes und zurück. Das mussten sie 5 Mal innerhalb einer Minute machen. Anschließend lief die zweite Gruppe los und tat dasselbe. Jede Gruppe musste diese Übung dann drei Mal absolvieren, sodass die sechs Minuten voll waren. Sollte es einer der Spieler nicht schaffen, das Feld 10 Mal innerhalb einer Minute hoch und runter zu laufen,  musste das ganze Team von neuem anfangen. basketball_kl.jpg
In Amerika sind die Teams in meist 2, manchmal 3 oder sogar 4 Gruppen unterteilt. Es gibt die Varsity, das beste Team, danach kommt die Junior Varsity (JV), und dann gibt es an größeren Schulen noch das „C-Squad“. Da mein Headcoach mich nicht leiden konnte, ließ er mich auch nicht in der Varsity spielen und hat mich auch nicht wirklich gefördert. Anfangs hat es mich wirklich wahnsinnig gemacht,  nach und nach habe ich mich jedoch daran gewöhnt und es hat wirklich angefangen Spaß zu machen. Nach der offiziellen Saison gab es dann drei Turniere, das District-, Divisional-, und letztendlich das State Tournament. Da wir leider schon im ersten Turnier rausgeflogen sind, war die Basketballsaison für uns schnell zu Ende.
Über Weihnachten hat meine Familie dann einen Ausflug in den Staat Idaho gemacht, um dort dann eine Woche jeden Tag Schneemobil zu fahren. Es war wirklich ein sehr tolles Erlebnis und wir hatten alle eine Menge Spaß mit vielen Gesellschaftsspielen am Abend. An einem Tag bin ich sogar mit meinem Schneemobil stecken geblieben und niemand hat’s bemerkt. Dann musste ich eine knappe Stunde warten bis mich jemand gefunden hat. Der Schnee war hüfthoch und die Schneemobile waren wirklich schwer also hieß es abwarten entspannen. schneemobilen_kl.jpg
Die Schule in Amerika ist verglichen zur deutschen eigentlich sehr einfach. Jeder Testbeinhaltete sogenannte Multiple-Choice Fragen, bei denen man nur ankreuzen musste. Während eines Mathe Tests konnte man sogar zur Lehrerin hingehen und solange sagen, dass man die Aufgabe noch nicht verstanden hat, dass diese dann einem alles vorgerechnet hat.
Nach der Basketballsaison ging’s dann mit Leichtathletik weiter. Das Training war nicht ansatzweise so schwierig wie Football oder Basketball. Die ersten Wochen waren noch etwas kühl, nach und nach jedoch fing es an sich nachmittags aufzuwärmen und man wurde sogar richtig braun. Unsere 4x100m Staffel, in der ich auch involviert war, hatte eine sehr gute Saison. Als Team haben wir uns das Ziel genommen, den Schulrekord von 1986 zu brechen. Es hat lange gedauert, bei den Divisional Tournaments haben wir ihn jedoch mit einer Zeit von 44,34s gebrochen. Nun habe ich meinen Namen sogar auf einer amerikanischen Rekord Tafel verewigt. Die Staatsmeisterschaften für die „Class B Schools“ fanden dann am 29. und 30. Mai statt.  Die „Class AA Schools“ hatten zudem ihre Staatsmeisterschaften mit uns zusammen. Es war wirklich sehr voll. Circa 35 Schulen nahmen an diesem Event teil. Es gab sogenannte „Tryouts“ bei denen man sich für das Finale qualifizieren konnte. Ich war wirklich nervös. Ungefähr 700 Leute schauten uns zu und mein Team wurde als zweitschnellstes im Staat aufgelistet. Also hatten wir einen Ruf zu verlieren. Unsere 4x100m Staffel ist in Führung gewesen bis mein Gastbruder Tanner und ich eine schlechte Übergabe hatten. Wir haben die Führung verloren und sind in den Tryouts leider nur Vierter von 10 Teams geworden. Jedoch hat es für das Finale gereicht, was dann am kommenden Tag stattfand. Wir liefen dann eine Zeit von 44,42s, was nicht schlecht war, jedoch nur für den fünften Platz gereicht hat. Es war ein sehr gutes Wochenende. Wir hatten eine Menge Spaß und haben eine Menge sehr guter Athleten gesehen. Der schnellste Läufer im Staat war auch da und lief eine Zeit von 10,68 Sekunden auf 100 Meter und stellte somit einen neuen Staatsrekord auf. track_kl.jpg
Alles in allem war dieses Jahr wahrscheinlich die beste Erfahrung meines Lebens. Und wenn mich jemand fragen würde, ob ich es noch einmal machen würde, wäre meine einzige Antwort: „Jeder Zeit“. Ich könnte mir keine bessere Gastfamilie vorstellen und ich würde am liebsten gar nicht hier weg, da sie und meine Freunde mir so ans Herz gewachsen sind. So ein Jahr bringt sehr viele neue und hilfreiche Eindrücke und Erfahrungen mit sich. Eine Chance dieser Art bietet sich nicht zwei Mal im Leben, also für all diejenigen, die es in Erwägung ziehen, sich für ein oder zwei Semester einer anderen Kultur hinzugeben, denen kann ich es nur empfehlen! sonnenuntergang_kl.jpg

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