Über Neuseeland wusste ich verhältnismäßig wenig, als ich dort ankam; aber ich hatte zumindest Land und Leute gegoogelt, und herausgefunden, dass Kiwis (wie Neuseeländer sich selbst nennen) warme, hilfsbereite und sehr gastfreundliche Leute sind. Das kann ich nach einem Jahr hier nur bestätigen, z.B. werden hier Busfahrer gegrüßt, und man bedankt sich gegen Ende der Fahrt. Und sollte einer der Schüler mal kein Geld für ein Busticket haben, bezahlt das eben einer der anderen Passagiere, oder der Busfahrer drückt gerne auch mal ein Auge zu.
Noch ein Jahr zuvor dachte ich, dass ich meinen Austausch in einem ganz anderen Land verbringen würde: Neuseelands größerer Nachbar Australien. Aber aufgrund begrenzter Visumszahlen teilte mir EF im Juni mit, dass ich entweder nach Neuseeland gehen oder eine Rückerstattung haben könne.
Nun etwas zur geografischen Situation Neuseelands: es wird oft als relativ kleines Land gesehen, hat aber eine Landfläche so groß wie Deutschland. Nord- und Südinsel sind klimatisch teilweise sehr unterschiedlich, die Nordinsel hat mediterran anmutende Landschaften, während die Südinsel eher an ein dünn besiedeltes Mitteleuropa erinnert. Beide Inseln haben zahlreiche Naturschönheiten auf erstaunlich engem Raum.
Neuseeland ist sehr stark durch die Maori-Kultur geprägt, nicht nur der Nationalsport Rugby. Die Nationalhymne wird auch in zwei Sprachen gesungen, und unter jeder Touristenattraktion steht der Name sowohl in Maori als auch in Englisch. Ich bin für ein Jahr auf eine Schule gegangen, wo mehr als 60 % der Schüler Maori waren.
Meine Schule in Neuseeland, Tikipunga High School, ist das genaue Gegenteil des AGOs. Wir mussten eine Schuluniform tragen, konnten nur fünf Fächer haben und hatten jeden Tag die gleichen Schulfächer. Musik ist nicht besonders beliebt an meiner Schule; es gab zwar eine Violine, die aber aufgrund fehlender Saiten kaum spielbar war. Und auch sonst unterscheidet sich meine Schule hier stark vom AGO: neben eher ungewöhnlichen Schulfächern wie HipHop oder Maori gab es auch – wie an jeder neuseeländischen Schule – eine Kapa-Haka-Gruppe, eine traditionell tanzende, singende maorische Kulturgruppe.
Einmal im Jahr gibt es einen größeren Wettbewerb, wo jede Kapa-Haka-Gruppe hinfährt und zwei Aufführungen gibt. Unsere Gruppe gab eine Vorstellung, komplett kostümiert und hat bei ihrem Haka fast die Bühne zerstört (die nächste Schule hat der armen Bühne dann auch den Rest gegeben, und sie ist zusammengestürzt).
Dafür wurde Sport gross geschrieben, wie an den meisten Schulen in Neuseeland. Der Sportlehrer z.B. ist nebenbei der Volleyballcoach für die neuseeländische Jugendnationalmannschaft.
Sport ist auch sonst ein großes Thema, die Mehrheit der Leute ist sehr stolz auf die Tall Blacks (Basketball), Silver Ferns (Netball) und natürlich die nationale Rugbymannschaft All Blacks.
An einem Wochenende im Juli ging ich mit meiner Koordinatorin Leanne zu einem Rugbyspiel im 150 km entfernten Auckland. Vor dem Rugbyspiel führten ihre Söhne das sog. Haka auf: eine Art Maori-Kriegstanz, der vor jedem Rugbyspiel aufgeführt wird, um den Gegnern Angst zu machen. Und es ist auch ziemlich beängstigend, wenn man es das erste Mal sieht.
In den Frühlingsferien war ich auf der EF South Island Discovery Tour, und wir sind über zwei Wochen mit einer Gruppe von Austauschschülern aus ganz Neuseeland über die Südinsel getourt.
Die Südinsel Neuseelands unterscheidet sich landschaftlich sehr von der Nordinsel, sie erinnert an Nordeuropa mit großen, verschneiten Gebirgsketten und wunderschönen, wie gemalten Seen.
Und in Queenstown, einer der Haupttouristenattraktionen der Südinsel, hatten wir die Chance, bungyjumpen zu gehen. Das Konzept, von etwas unglaublich Hohem herunter zu springen, klingt einfach nur wahnsinnig. Es kostet sehr viel Überwindung, und ich hätte das wahrscheinlich nicht ausprobiert, wäre ich in Deutschland gewesen. Aber nun stand ich an der Kante eines 134 Meter tiefen Abgrunds, in einer abgelegenen Schlucht bei Queenstown. Irgendetwas sagte mir, ich sollte springen. Die erste Sekunde ist das Schlimmste, pure Angst vor einem nichtendenden Fall, davor dass das Seil vielleicht doch reisst. Und dann ist es einfach nur unglaublich, ein Gefühl des Fliegens.
Extremsport ist in Neuseeland allgemein recht beliebt, sei es Bungyjumpen, Fallschirmspringen oder auch Freitauchen (Tiefseetauchen ohne Sauerstoffflasche). Das führte zu einem der aufregendsten zweiten Weihnachtstagen, die ich wahrscheinlich je haben werde: an Weihnachten entschied sich meine erweiterte Gastfamilie, in der auch 3 andere Gastschüler waren, Fallschirmspringen zu gehen (es sei ja ein sonniger Tag, die Aussicht würde bestimmt gut sein, meinte meine Gastschwester).
Also gingen wir zum örtlichen Flughafen und etwa zwei Stunden später sprang ich aus einem Flugzeug. In einem Tandemsprung, zusammen mit einem schon etwas erfahreneren Fallschirmspringer. Zeit, Angst zu haben, hatte ich dieses Mal nicht, und ich konnte die Aussage meiner Gastschwester nur bestätigen, der Blick war umwerfend. Für jeden, der einen etwas anderen Weg sucht, die Landschaft zu erkunden, ist dieser hier definitiv empfehlenswert.
Von Ende November bis Ende Januar sind die grossen Sommerferien, in denen die meisten Kiwis praktisch am Strand leben. In der näheren Umgebung meines Wohnortes Whangarei gibt es viele wunderschöne Strände, und es ist nicht unüblich mit der Schule – gegen Ende des Schuljahres – einfach mal einen Tag am Strand zu verbringen, Frisbee zu spielen oder auch das eine oder andere Touch-Rugbyspiel zu gewinnen.

Die Dame auf der linken Seite ist meine Gastmutter





Bungyjumping
Empfehlen Sie diesen Artikel weiter: