Altes Gymnasium Oldenburg

Thies Dählmann – Ein Jahr in Missouri

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Nachdem mein Bruder an einem Austauschprogramm teilgenommen hatte, stand es für mich außer Frage, auch an einem solchen teilzunehmen. Jedoch war ich mir nicht sicher, ob ich für ein Semester oder ein ganzes Schuljahr und ob ich in die USA oder nach Kanada gehen sollte. Nach einigen Wochen des Abwägens hatte ich mich aus verschiedenen Gründen für ein ganzes Jahr USA entschieden, was ich auch nur weiterempfehlen kann – ich stelle es mir schwer vor, sich in einem halben Jahr im Ausland einzuleben und gute Freundschaften zu knüpfen.

Nachdem ich alle Bewerbungsformulare für den Austausch vervollständigt und abgeschickt hatte, wurde ich im April von meiner Gastfamilie per E-Mail angeschrieben. Über die folgenden Wochen hatten wir Schriftwechsel, in dem mir meine Gastmutter Darlene u. a. erzählte, dass sie schon mal einen südkoreanischen und ein Jahr später einen spanischen Austauschschüler aufgenommen hatte. Obwohl sie Bedenken darüber äußerte, dass das Leben auf dem Land in Billings, Missouri, (etwas über 1000 Einwohner, etwas über 10 Minuten Autofahrt zur nächsten Stadt/Einkaufsmöglichkeit) hin und wieder etwas langweilig ausfallen könnte, wurde meine Vorfreude nicht getrübt – wie sich während des Jahres herausgestellt hat zu Recht.

Am 5. August bin ich mit einer großen Gruppe Austauschschüler der Organisation ICX von Bremen nach Frankfurt geflogen und von dort nach New York gestartet. In New York fand ein Workshop von ICX’ amerikanischer Partnerorganisation PAX statt, in dem uns über viele häufig auftretende Probleme und Lösungswege erzählt wurde. Wir fuhren aber natürlich auch nach New York City, wo wir Central Park, Rockefeller Center und von einer Fähre aus die  Freiheitsstatue besichtigten.
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Am 8.8. ging es weiter über Chicago nach Missouri, wo ich endlich meine Gastfamilie traf. Kurz vor meinem Abflug hatte ich von ihnen noch erfahren, dass ich außer mit meinen Gasteltern Darlene und Ken Eck und meinem Gastbruder Austin auch noch mit einem spanischen Austauschschüler leben würde.
Kenny arbeitet als mechanischer Ingenieur in einem Unternehmen mittlerer Größe, wo er verschiedene Einzelteile für Kunden anpasst. Er kann so ziemlich alles reparieren oder bauen, was man sich vorstellen kann.
Darlene arbeitete als Krankenschwester, ist zur Zeit aber Hausfrau. Sie liebt es, zu kochen, zu singen und shoppen zu gehen, hat aber viel damit zu tun, sich um den Haushalt zu kümmern.
An der Billings High School, die auch der Spanier und ich besuchten, ist Austin Neunklässler. Er  spielt wie ich Gitarre, außerdem gerne Xbox und trifft sich häufig mit seinen Freunden.
Iñigo spielt Klavier, kocht und trifft sich auch gerne mit Freunden.
Wir haben uns alle drei sehr gut verstanden und viel Spaß gehabt.

Wegen Bauarbeiten am Gebäude fing die Schule erst am zweiten September an. Die fast vier Wochen, die mir bis zum Schulstart blieben, nutzten wir alle, um einander kennen zu lernen, mit Sprache und Umgebung vertrauter zu werden und um den Jetlag abzuschütteln.
Ich lebte in einem großen zweistöckigen Haus, in dem jeder von uns sein eigenes Zimmer hatte. Die Zimmer von Austin, Iñigo und mir waren im Keller, aber da das Haus auf der Seite eines Hügels gebaut ist, hatten wir alle Fenster und eine Tür nach draußen.
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An den letzten paar Tagen der Ferien fand in Billings ein Jahrmarkt (in entsprechender Größe für eine 1000-Einwohner-Stadt) statt. Obwohl es nicht sehr viele Fahrgeschäfte gab, war es schon eine sehr gute Gelegenheit, Schüler kennen zu lernen. Was mir sofort auffiel, waren die Offenheit und Freundlichkeit, welche die Amerikaner mir gegenüber zeigten.
Am 2. September ging dann die Schule los. Die erste Stunde verbrachte ich damit, meinen Stundenplan mit Hilfe des „Councelors“  zu gestalten. Billings High School erlaubte es mir, ein „Senior“, also Zwölftklässler zu sein. Das bedeutet, dass ich am Ende des Schuljahres graduieren und damit mein amerikanisches High School „Diploma“ erhalten würde. Damit könnte ich, wenn ich noch einen anderen Test schreiben würde, theoretisch an ein  amerikanisches College gehen.
An amerikanischen Schulen hat man jeden Tag sieben Stunden (von 08:14 bis 15:08), dieselben Fächer die ganze Woche lang.
In der ersten Stunde war ich im Englisch-III-Kurs, welcher nur amerikanische Literatur behandelte. Verglichen mit anderen Kursen war er wirklich fordernd, wenigstens während der Klassenarbeit, wo man die Antworten selber formulieren musste. Bei Tests hatte man „multiple choice“-Fragen, wo man nur die richtige Antwort einkreisen musste.
In der zweiten Stunde hatte ich Spanisch II. Obwohl ich keinen Spanisch-I-Kurs besucht hatte, bekam ich keine Probleme, da der Unterricht wirklich nicht hart war.
Außerdem hatte ich Chemie, ein weiterer Kurs, der mit der Schwierigkeit ansatzweise mit dem Gymnasium vergleichbar war (man bedenke, dass amerikanische Schulen Gesamtschulen sind), Kunst, Sport, American History, einen Kurs, den ich auch als Bedingung zum Graduieren nehmen musste, und Mathe.
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Ende Oktober unternahmen meine Gastfamilie, Iñigo und ich alle zusammen einen Ausflug nach Florida für fast zwei Wochen. In Florida besuchten wir die Universal Studios in Orlando, wo um diese Jahreszeit ein Halloween-Special stattfand, welches Darlene und Austin schon seit vielen Jahren sehen wollten. Auf dem Weg lag in Memphis, Tennessee, Elvis Presleys „Graceland“, das wir am ersten Tag der Reise besuchten. Um das Anwesen, welches selber höchst beeindruckend ist, da es noch viele der Originalmöbel, Elvis’ berühmte Anzüge und seine goldenen Schallplatten enthält, befinden sich viele Museen, die zum Beispiel sein privates Flugzeug ausstellen oder seinen Militärdienst behandeln, in dem er in Deutschland stationiert war. Da der Weg von Billings bis nach Orlando fast 1800 km lang ist, blieben wir die erste Nacht in einem Hotel in Tupelo, Mississippi. Danach fuhren wir weiter nach Atlanta, Georgia, wo wir eine riesige Mall besuchten.

Am nächsten Tag kamen wir dann endlich in Orlando an, wo wir in einem wunderschönen Haus mit Pool blieben, den wir auch jeden Tag benutzten.

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Universal Studios selber besuchten wir an mehreren Tagen, da es so viel zu sehen gab. Neben Achterbahnen, Restaurants und einem interaktiven „Men in Black“-Fahrgeschäft, wo man mit Laserpistolen auf Aliens schießen konnte und dafür Punkte bekam, gab es auch noch Theater, die unter anderem die „Rocky Horror Picture Show“ aufführten. Das Halloween-Special bestand aus Geisterbahnen zum Durchgehen und verkleideten Personen, die plötzlich neben einem auftauchten und einen erschreckten. Am stärksten erschrak ich, als ich dachte, ich wäre ganz durch die Geisterbahn durch, aber plötzlich jemand mit einer Kettensäge neben mir stand und sie bedrohlich knurren ließ.
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Am letzten Tag des Ausflugs fuhren wir zum Kennedy Space Center am Cape Canaveral, wo wir durch ein Fenster Ingenieuren beim Zusammensetzen zusehen konnten. Was sie bauten erfuhren wir aber nicht. Des Weiteren sahen wir die breite Straße, auf dem der „Crawler“ die Raketen mit einer Geschwindigkeit von 1,6 km pro Stunde vom „Vehicle Assembly Building“ zum Startplatz fährt. Der Ausflug nach Florida war eine großartige Erfahrung und ich bin meiner Gastfamilie für jeden Ausflug, den wir unternahmen, dankbar.

Die folgenden Wochen des Jahres vergingen wie im Flug und schon war es Winter und Weihnachten. Aus Oklahoma kamen Tante, Onkel, zwei Cousins und eine Cousine, die die Weihnachtstage bei uns verbrachten, allerdings bei den Großeltern mütterlicherseits schliefen, die nur 15 Minuten mit dem Auto entfernt wohnten. Heiligabend verbrachten wir bei den Großeltern väterlicherseits, danach fuhren wir zum Mitternachtsgottesdienst. Am ersten Weihnachtsfeiertag fand dann Bescherung statt. Zuerst bei uns zuhause und später am Tag bei den Großeltern, wo wir uns noch mit der anderen Tante und Cousine mütterlicherseits trafen. Wir freuten uns über unsere Geschenke, später gingen wir essen. Die Familie aus Oklahoma blieb noch länger, und so feierten wir mit ihnen Silvester. Anstatt Feuerwerk stießen wir aber lediglich mit (alkoholfreien) Getränken an und aßen zehn Weintrauben mit dem Countdown der letzten Sekunden des Jahres, ein spanischer Brauch, an dem Iñigo festhielt. Feuerwerktag ist hier der vierte Juli, Independence Day.
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Nach den Winterferien hatte ich mich voll und ganz an den Alltag und die Schule gewöhnt. Das erste Semester ging zu Ende und ich nahm einige Änderungen an meinem Stundenplan vor. Ich nahm etwa „American Government“, ein weiteres Fach, das Bedingung zum Graduieren war. In den ersten Wochen des neuen Jahres hatten wir viel Schnee. Deshalb fielen insgesamt zwei Wochen Schule aus. Da alles durch die Arbeiten am Gebäude sowieso schon verzögert worden war, fielen zum einen die Frühlingsferien und einige Feiertage aus, zum anderen wurde das Schuljahr bis Ende Mai verlängert. Deshalb verschob ich meinen Rückflug um einige Tage nach hinten, um hier möglichst viel erleben zu können.

Mit dem Frühling kam die Tornado Season. Zum Glück musste ich keinen Tornado direkt miterleben, aber eines Morgens war es erst hell draußen, als wir uns dann auf den Weg zur Schule machten, war es plötzlich schwarz und es regnete so stark, dass man kaum etwas aus dem Auto sehen konnte. In der Schule saßen die Schüler alle zum Schutz in fensterlosen Räumen an der Wand, wo auch ich die erste Hälfte der ersten Stunde verbrachte. Der Tornado traf nicht uns, riss aber mehrere Bäume in Republic, einer Stadt nur sehr wenige Minuten von uns entfernt, aus und zerstörte unter anderem ein großes Burger-King-Werbeschild.

Nette Abwechslungen waren noch mein Treffen mit Matthias in Springfield, Missouri, und mein einwöchiger Besuch bei Marcel in Montana.
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Ende Mai kam es endlich zur Graduation, worauf das ganze Schuljahr hingearbeitet worden war, es würde dann aber auch Goodbye heißen. Die Zeremonie selbst fand am Samstag, dem 30. Mai statt. Während sich Eltern und Freunde in der Turnhalle versammelten, mussten wir in einem anderen Raum warten, uns vorbereiteten und uns „cap“ und „gown“, also „Doktorhut“ und Gewand anziehen.

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Danach zogen um zwei Uhr alle von uns „graduates“ in die Turnhalle ein, wo die High-School-Band für uns spielte. Wir saßen in der Mitte der Turnhalle, Eltern und Freunde auf den Bänken. Vor uns war ein Podest aufgebaut, wo Schulleiter, einige Lehrer und zwei der High-School-Absolventen kurze Reden hielten. Danach wurden Blumen verteilt, per Projektor wurde die „Senior Slideshow“ vorgeführt, die jeden Senior kurz vorstellte und einige Ereignisse des Jahres zeigte. Nun kam es zur eigentlichen Graduation, wo mir mein Diplom überreicht wurde. Dann war der förmliche Teil vorüber, es wurde gratuliert, geredet und leider auch verabschiedet. Am selben Abend noch fand „Project Graduation“ statt. Alle Seniors fuhren um zehn Uhr abends in den „Girls & Boys Club“, wo wir bis fünf Uhr morgens blieben. Dort konnten wir Billard, Tischtennis, Basketball und andere Spiele spielen. Außerdem konnten wir Preise gewinnen, die von dem Geld finanziert worden waren, das die Zwölftklässler über das ganze Jahr verdient hatten – etwa iPod Touches oder eine Nintendo Wii. Außer „nur“ einer 25$-Geschenkkarte für „Best Buy“, dem amerikanischen Gegenstück zu Media Markt oder Saturn und einigen Essensgutscheinen war für mich aber nichts drin.
Damit war das Schuljahr zu Ende, ich hatte noch etwas mehr als zwei Wochen vor meinem Rückflug am 16. Juni. Die letzten Tage ließ ich ruhig ausklingen, ich traf mich einige Male mit Freunden oder wir fuhren in die Stadt, sonst passierte aber nichts Nennenswertes mehr.

Alles in allem war das Jahr eine super Erfahrung, ich hatte viel Spaß bei einer tollen Gastfamilie und ich empfehle jedem, an einem Austausch teilzunehmen.

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