Altes Gymnasium Oldenburg

„Nein, sie spinnen (eigentlich) nicht, die Briten.“

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Es war eine harte Überwindung, aber aufgrund „zu deutscher“ Englischleistungen entschied ich mich, ins Ausland zu gehen. Der inoffizielle Grund war der Reiz, etwas Neues, Aufregendes erleben zu dürfen. Meine Cousine beriet mich und schlug mir die Europäische Internatsvermittlung vor, die prompt mit meinen Zeugnissen zu einigen Internatsschulen in England hausieren ging. Da ich gleichzeitig nicht die ganze zehnte Klasse verpassen und auch akademisch weiterkommen wollte, hatte ich an ein Internat gedacht, im Gegensatz zur Gastfamilie. Ein Trimester sollte es werden, schließlich nahm mich das Mount St Mary’s College für zwei Trimester auf (ungefähr sieben Monate mit Ferien). Ich hatte sehr wenig Ahnung von der Schule (außer dass sie jesuitisch-katholisch war und auf irgendeine Weise Lateinunterricht anbot), als ich das Schuljahr schließlich begann. Meine erste Woche verlief recht unstrukturiert und ich lief fast immer mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn herum, glücklicherweise wurde mir aber gerne von meinen Mitschülern und Lehrern Auskunft gegeben. Das kann höchstwahrscheinlich auch an der generellen familiären Atmosphäre gelegen haben, denn die Schule bestand aus nicht einmal 500 Personen und es gab eine hohe Achtung und Aufmerksamkeit für das Individuum (auch aufgrund kleiner Klassen).

Die Schule im Schnee

Mr und MrsMcKell, Headmaster

Schließlich war der erste Schock überstanden, die berühmt berüchtigte Kulturumstellung war eher wenig zu spüren, da ich relativ schnell die sieben anderen deutschsprachigen Internatsschüler entdeckte. Bei jedoch gut 60 Internatsschülern („Boarders“)  insgesamt war das keine Überraschung; fast alle waren „Foreign speakers“ und sprachen noch kein allzu gutes Englisch, wenn überhaupt.  Der Großteil der Schule hingegen wurde von den Tagesschülern ausgemacht, die jeden Morgen mit den schuleigenen Bussen gegen halb neun herbeigefahren wurden und abends um Viertel vor sechs nach Hause chauffiert wurden. Am Samstag gab es ein ähnliches Programm zu absolvieren: Morgens AGs (activities) jeder Art und des Öfteren ein Sportmatch (Hockey, Rugby, Netball, Cricket und diverse andere typisch britische Sportarten) oder Training. Sonntag wurde zum „freien“ Tag der Woche deklariert, für die Boarder jedoch eine verpflichtende Messe und danach ein Ausgang (Nein, natürlich auch nicht frei, sondern kontrolliert und protokolliert zum Shoppingzentrum zum Beispiel). Meine Wochen gestalteten sich alle in diesem Rhythmus, doch ich hatte nur meine Lieblingsfächer (und Englischunterricht), so dass die Schulzeit bis 4:30 täglich schnell vorüber ging. Mein Religionslehrer, der uns eine Stunde pro Woche Werte und Normen (verpflichtend) unterrichtete, fragte mich, ob ich nicht an seinem Abiturkurs teilnehmen wolle, da meine Motivation ja so hoch wäre. Ich konnte nicht nein sagen und fand mich in einer fünf-Schüler-Klasse mehr oder weniger zu dem Thema „Religionsphilosophie, moralische Dilemma, ethische Theorien und was es sonst noch so Interessantes gibt“ wieder. Dem Unterricht im Ganzen war einfach zu folgen, auch weil die Lehrer sich sehr viel Zeit und (vor allem) Geduld mit ihren Schülern gelassen haben. Glücklicherweise war ich in der Oberstufe (eine Jahrgansstufe höher als eigentlich am AGO) und so wurde es nur unschwer langweilig. Die Freiräume waren groß und in dem Internat profitierte ich von dem Oberstufenstatus in Form eines Einzelzimmers. Die ersten Examen im Januar rückten näher und wiederholt wurde nun schon fast wie besessen. Beide Examinations (Chemie und Mathematik) waren recht einfach und ich meisterte beide erfolgreich. Dies betraf jedoch nur zwei Fächer und der förmliche Prüfungsmarathon in allen Fächern wird erst im Sommer durchgeführt.

draußen auf der Wiese beim Lernen

Auch sozial gesehen machte ich vielerlei Erfahrungen: Sowohl mit den Einheimischen als auch den anderen Neulingen kam ich gut klar. Risiken und Nebenwirkungen: Meine chinesische Zimmernachbarin klopfte um Mitternacht an meine Tür, um zu fragen, was denn nun die Mathehausaufgabe zum nächsten Tag gewesen wäre. Doch auch mit den Tagesschülern aus so ziemlich allen Jahrgängen viel zu tun: Ob es nun darum ging gegen die Lehrer im Rudern anzutreten oder im Querflötenkonzert in der „Junior Flute Group“ zu spielen, es war nur eine Frage der rechtzeitigen Organisation, und hat stets Freude und Spaß gebracht. Basketball, Netball, Debattierclub, Gemeinschaftsdienst, Mathematiknachhilfe und diverse andere Aktionen mit vielen anderen Schülern standen auch auf meinem Stundenplan.

Rugby


Netball

Besonders am Mount war natürlich auch die spirituelle Erziehung: Die Messe am Sonntag (in der ich später Klavierspielen dürfte), Hausgebete einmal pro Woche und diverse andere Veranstaltungen, ganz besonders auch viele Wohltätigkeitsveranstaltungen („charity“). Unser Beitrag hierzu war, dass wir zur allgemeinen Erleichterung nach Bezahlung eines Pfundes in „Casuals“ (Alltagskleidung) und nicht in „Dress Code“ oder Schuluniform herumlaufen konnten. Der Erlös ging in die Wohltätigkeitsorganisation der Schule „Moving Mountains“, die dann die Verwendung im Detail bestimmte.

Helfer beim Wohltätigkeitsball

Am Ende der sechs Monate stand noch ein letztes Examen vor, das berühmt berüchtigte IELTS (International English Language Testing System), das von Universitäten weltweit anerkannt wird. Die insgesamt vierstündige Prüfung verlief gut und ich bin mit dem Ergebnis (eine „8“, wobei die „9“ dem Muttersprachler entspricht) höchst zufrieden. Ich freue mich schon sehr,  im Sommer an diese großartige Schule zurückkehren zu dürfen, um die Abiturklausuren in Mathematik, Chemie und Religion/Philosophie abzulegen. Zusätzlich gibt es in den Sommerferien eine Jugendreise nach Lourdes, an der ich als Helfer für die Pilger teilnehmen werde. Alles in allem hatte ich eine hervorragende Zeit und bedauere nicht länger bleiben zu können. Jedoch erlaubt es das englische Schulsystem nicht, dem deutschen Abitur gleichwertige Prüfungen zu schreiben. Abgesehen davon kann ich jetzt mit relativ gutem Gewissen sagen: „Nein, sie spinnen (eigentlich) nicht, die Briten.“

Das Mädcheninternatshaus


Speisesaal – Refectory


Die zwei jüngsten Internatsschülerinnen


Proben für „A Midsummer’s Night Dream“


Im Internatshaus


Im Internatshaus


Halloween

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