Im Rahmen der diesjährigen Karl-Jaspers-Vorlesungen fand am Mittwoch, dem 15.12.10, eine öffentliche Diskussionsrunde mit dem Hannoveraner Sozialphilosophen Prof. Dr. Dr. h.c. Oskar Negt in der Aula des AGO zum Thema „Das Problem der gebrochenen Bindungen. Heimat, Entwurzelung, Integration“ statt. Die Philosophiekurse der höheren Jahrgänge des AGO und der GAG besuchten die Veranstaltung, um aktiv an der Gesprächsrunde teilzunehmen. Ein Theaterstück am Dienstag und ein Vortrag an der Universität am Mittwochabend rundeten die Diskussionsrunde ab.
Nach der Einleitung durch Herrn Herold stellte Gesprächsmoderator apl. Prof. Dr. phil. habil. Dr. rer. nat. Reinhard Schulz Herrn Negt kurz vor, der schließlich selbst das Wort ergriff und auch kurz auf seine eigene Schullaufbahn, die er an der Hindenburg-Schule (heute Herbart-Gymnasium) verbrachte, einging.
Die eigentliche Diskussion eröffnete Negt mit seinen eigenen Thesen und Beobachtungen: Die sogenannte Enttraditionalisierung und Entwurzelung nehme zu, die Kritik am vorhandenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System sei aber fast abhandengekommen.
Speziell die Freiheit des Einzelnen (Ideologie des Neoliberalismus) führt laut Negt zu dieser Enttraditionalisierung, die Verlust von Überlieferung bzw. Tradition bedeutet. Flexibilität und Unabhängigkeit des Individuums werde besonders groß geschrieben, da in der Gesellschaft die Annahme gemacht werde, dass die Summe der einzelnen Personen gleich der Gesellschaft sei; je freier also jeder einzelne, desto freier und letztendlich besser die Gesellschaft. Negt verwies hierbei auf Marx, der genau diese Entwicklung vorhersagte. Sogar die scheinbare Produktivität und der zunehmende Wohlstand würde zu größeren sozialen Diskrepanzen führen: Das Geld käme in der Gesellschaft einfach nicht an.
Den Preis des Kapitalismus würden die zwischenmenschlichen Bindungen zahlen (Negt verwies hierbei auf die Quote von Kindern in den USA, die bei allein erziehenden Elternteilen aufwachsen; sie beträgt 50%). Als Menschen sind wir aber, so Negt, nur bis zu einem bestimmten Punkt flexibel und entwurzelbar, wenn wir Erfahrungsfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit als „echte Weltbürger“ erlernen wollen. Falls solche Kompetenzen nicht vorhanden seien, könnte dies die Ursache von schwerwiegenden Problemen werden.
Die anschließende Fragerunde drehte sich zuerst rund um das Thema Heimat, wo und was sie sei, und ob ihre Existenz überhaupt relevant wäre. Hier kam Negt zu dem Schluss, dass stets ein Bezugspunkt oder eine bestimme Verlässlichkeit in der Umgebung vorhanden sein müsse; notfalls könne aber auch eine Heimat selbstständig entworfen und beeinflusst werden.
Es folgte ein kurzer Exkurs zu dem Bereich Erziehung, da schließlich junge Menschen durch eine gewisse eigene Freiheit (d.h. Selbstregulierung) und gleichzeitig auch zu erlernende Strukturierung zu kritischen Mitbürgern erzogen werden könnten, die unsere Gesellschaft bräuchte, ganz im Gegensatz zu leistungsbewussten Arbeitern. Vor allem die Nutzung des Verstandes (also die „Aufklärung“ nach Kant) müsste ausführlich geübt werden.
Auch die neue Technologiestufe der Kommunikationsmöglichkeiten (mit all ihren Chancen, Risiken und Nebenwirkungen) solle sinnvoll genutzt werden: Wenn die Primärkommunikation nicht funktioniere oder gar nicht entwickelt sei (eben aufgrund eines hin- und hergerissenen Aufwachsens), könnten auch Bindungen nicht durch elektronische Kommunikationsmedien gestärkt oder erhalten werden, ganz zu schweigen von einer Identitätsfindung oder dem Finden von menschlicher Nähe am Computer.
Was kann man also summa summarum konkret gegen die Enttraditionalisierung tun? Negt resümiert, dass es keine optimale Lösung gäbe; die Selbstreflexion und –erkenntnis nähme jedoch eine sehr wichtige Rolle ein. Abschließend stellte er implizit die Forderung auf, dass auch die Schule Freiräume für solche Reflexionsprozesse schaffen sollte.
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