Altes Gymnasium Oldenburg

Prof. Dr. Baltruschs Vortrag: „Habgier: Die Quelle aller Übel – Sallusts Deutung der römischen Geschichte“

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Der DAX stürzt ab, der Aktienmarkt bricht zusammen und Regierungen verabschieden Sparpakete zur Rettung des Bankenwesens  – es scheint eine Krise die nächste zu jagen und die Politik lässt sich vom kapitalistischen Finanzsystem den Schneid abkaufen. Nachdem 1989 mit Glasnost und dem Fall der Mauer die Angst vor „dem großen Feind“ , mit dem Kommunismus mit dem Warschauer Pakt auf der einen, dem kapitalistischen System mit der Nato auf der anderen Seite endgültig verschwunden war, schienen politische Stabilität und Frieden Einkehr zu halten. Ohne den Feind im Nacken mehrte sich nun der Wunsch nach Wohlstand und Luxus im privaten und wirtschaftlichen Bereich und steigerte sich bis zu Habgier, die schließlich das öffentliche Leben und die Staatsgeschäfte bestimmt.

So oder ähnlich hätte wohl der Historiograph Sallust die heutige global gesellschaftspolitische und soziale Lage analysiert. Mit diesem aktuellen Exkurs leitete Prof. Dr. Baltrusch aus Berlin seinen Vortrag am Montag (19:00 Uhr in der Aula) geradezu sallustisch ein und traf damit den Kern  – Sallusts Hang zu so manch längerer sozio-politischer, historischer Erläuterung.

Sallusts Geschichtsschreibung beschäftigt sich mit dem Sittenverfall im alten Rom. In seinen Werken (wesentliche Veröffentlichungen um 50-40 v.Chr.) kommt er zu dem Schluss, dass 146 v. Chr. mit der Zerstörung Karthagos der entscheidende Wendepunkt der römischen Geschichte gelegen hätte. Der Respekt vor Karthago, die letzte für die Römer nennenswerte Konkurrenz, ja sogar die Angst vor diesem Feind hielte die Römer zusammen. Nach der Vernichtung wandte sich nun die Aggression gegen eigene römische Genossen, römischer Staatsmann gegen Staatsmann. Zudem machten sich eine Sorglosigkeit, Wohlstand und Luxus breit, die in Dekadenz gipfelte; dazu beitragend waren auch die Geldflüsse aus den eroberten Provinzen in die Taschen der Nobilität.

In Kontrast zu seiner eigenen dekadenten Zeit betonte Sallust die Werte aus den „guten, alten“ Zeiten: Das Streben nach Ruhm (gloria) sei edel. Doch wer dem Ehrgeiz (ambitio) verfalle, fände sich schnell auf dem Weg zur Habgier (avaritia), die für Sallust das größte Übel für den Staat (res publica) darstellte. Gerade die Habgier trete in der damaligen Zeit immer häufiger auf, wie Sallust beobachtet.  Es lässt sich erkennen: Sallusts Geschichtsschreibung war nicht objektiv, sondern moralisierend und sollte dem Leser auch das ein oder andere Beispiel (exemplum) an die Hand geben – tugendhaftes Verhalten mit Vorbildern wie Cato oder Cäsar oder als abschreckendes Beispiel Catilina.

Zur Bewertung der Sallust’schen Geschichtsschreibung zog Prof. Dr. Baltrusch Textquellen bis zu Thukydides heran. Prof. Dr. Baltrusch schätzte Sallusts Hinterlassenschaften zwar als subjektiv ein; da Sallusts Darstellungen aber auf den Menschen und das Individuum zielten, müssten seine Schriften als beispielgebend und höchst lehrreich bewertet werden. Dieses Bild von Sallust (speziell interessant für die Zentralabiturienten im Fach Latein) wurde höchstinformativ und kurzweilig einem gemischten und gespannt lauschendem Publikum im Rahmen der Reihe altphilologischer Vorträge am AGO präsentiert.

 

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