AGO-Schüler als Friedensbotschafter in Israel

AGO-Schüler als Friedensbotschafter in Israel

Tiefe Einblicke in ein gespaltenes Land: 17 Schülerinnen und Schüler des Seminarfachs „Israel“ am Alten Gymnasium kehren mit vielen neuen Erfahrungen nach Oldenburg zurück. 

Zwölf Tage konnten die Jugendlichen aus dem dreizehnten Jahrgang in die Geschichte und Kultur Israels eintauchen. Bereits seit über zehn Jahren pflegt das AGO den Austausch mit Jugendlichen in Mateh Asher, der von den teilnehmenden Schulen zugleich auch als Friedensprojekt zwischen jüdischen und arabischen Israelis und Deutschen angesehen wird. Ein Kontakt in die Region rund um die Stadt Nahariya besteht schon über 30 Jahre, begründet wurde er von ausgewanderten Oldenburgern, die sich in den Kibbuzim niedergelassen hatten.

Erstmals wird das Seminarfach von Johanna Budke und Ludger Hillmann geleitet. Sie folgen auf Jörg Witte, der das Projekt dereinst ins Leben rief. „Die Jugendlichen sollen die im Unterricht thematisierten verschiedenen Facetten des Landes eingehender kennenlernen“, so Johanna Budke. Daher wird der Austausch immer auch mit einer Reise durch die verschiedenen Landsteile Israels verbunden. 

Zunächst lernte die Gruppe Tel Aviv-Jaffa kennen. Während das Zentrum der Großstadt am Mittelmeer mit den Häusern der „White City“ im Bauhaus-Stil, dem pulsierenden Leben auf den Märkten sowie am Strand der Stadt ein sehr junges Bild vermittelt, bietet schon die maritime Altstadt Jaffa einen ersten Hinweis auf die bedeutende Geschichte des Landes. Einst zog Alexander der Große hier vorbei und im Jahr 1799 belagerte sie Napoleon Bonaparte. 

Auf dem Weg von Jaffa zur Jugendherberge im Stadtnorden kam es zu einer besonderen Begegnung. An diesem Freitagabend begann das Laubhüttenfest, das Juden eine Woche lang feiern. Sie gedenken dabei dem Auszug der Israeliten aus ägyptischer Gefangenschaft und bauen als Symbol Zelte auf dem Balkon oder vor der Haustür auf, in dem Familienangehörige oder Nachbarn täglich zum gemeinsamen Essen und Gebet zusammenfinden. Neugierig beobachteten einige Schüler das Vorgehen in den Zelten und wurden sogleich von einem jungen Rabbiner eingeladen. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Anwesenden um erst kürzlich aus Frankreich ausgewanderte Juden handelte. Der Rabbiner hielt einen eindrucksvollen Vortrag über die Hintergründe des Laufhüttenfestes und forderte die Anwesenden auf, die Komfortzone zu verlassen und dem Leben offen zu begegnen. „Das könnte auch unser Abiturmotto werden“, stellte Jana Muke anerkennend fest.  

Besuch im ARD-Studio Tel Aviv

Spontan gelang auch ein Besuch im ARD-Studio Tel Aviv sowie ein Gespräch mit der jungen Korrespondentin Sophie von der Tann. Sie stellt gleich einleitend fest, „wer nach Israel und in die Palästinensischen Gebiete als Journalistin kommt, ist danach verwirrter als vorher.“ Zu vielschichtig sei das Leben, die Perspektiven, die Probleme. Doch dies mache auch den besonderen Reiz der Arbeit aus. Sie habe den Anspruch, zu lernen und dabei die „Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland vor den Fernsehbildschirmen oder den sozialen Netzwerken mitzunehmen.“ Ihr mache es Freude, komplexe Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie Menschen auf ganz unterschiedlichen Kanälen erreichen. Ihre gut fundierten Ausführungen zum israelisch-palästinensischen Konflikt und das Problem, zu den Bildern auch die passenden Informationen zu liefern, konnten voll überzeugen.

Baden im Toten Meer

Die folgenden Tage verbrachte der Kurs am Toten Meer, wo ein Bad im Meer als auch der Besuch der Festung Massada fest eingeplant war. Umso enttäuschet waren die Hinweise, dass der gesamte israelische Uferbereich aufgrund von Sinklöchern (sie entstehen durch Auswaschungen infolge des sinkenden Wasserspiegels) und extremen Schlammbildungen nicht begehbar und folglich gesperrt war. Schließlich war es der Tipp eines ortsansässigen Palästinensers, der den Weg entlang eines ausgetrockneten Wadis zum Ziel führte. Ein erholsames Bad im Toten Meer mit übereinandergeschlagenen Beinen und einer Zeitung in beiden Händen war für die Jugendlichen ein besonderes Gefühl. Ungläubig bestaunten die Jugendlichen die Tragfähigkeit des Salzwassers.

Ein besonderes Erlebnis der Reise war der Besuch des Nationalparks bei Ein Gedi am Toten Meer. Die Oase liegt rund 420 Meter unter dem Meeresspiegel in der Wüste Negev. Bei einer Wanderung entlang des Wadi David waren kleine Wasserfälle und natürliche Wasserbecken eine willkommene Abkühlung. Nur einige Kilometer weiter südlich liegt auf einem Hochplateau die ehemalige jüdische Festung Massada, deren Überreste die Schülergruppe ebenfalls besichtigte. Das archäologische Ausgrabungsgelände gehört bereits seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe. 

Jerusalem nach dem Lockdown

Mehrere Tage verbrachten die Schülerinnen und Schüler danach in Jerusalem und konnten so den Spagat zwischen Antike und Moderne erleben. Ob bei der Klagemauer, auf dem Tempelberg oder in der Grabeskirche – immer wieder wurde klar, dass die Stadt für viele verschiedene Glaubensrichtungen von zentraler Bedeutung ist. „Das Zentrum der Stadt ist unter muslimischen, jüdischen, christlichen sowie armenischen Bewohnern aufgeteilt, die eifersüchtig auf ‚ihre’ Gebiete schauen“, erklärt Ludger Hillmann. Gerade in Jerusalem waren die Spannungen zwischen Arabern und Juden allgegenwärtig. Das reicht von der militärischen Sicherung des Zugangs der Juden zur Klagemauer über den Besuch des umkämpften Tempelbergs bis zur Zerrissenheit innerhalb der jüdischen Gesellschaft wie sie der Gang durch das orthodoxe Viertel Me’a Sche’arim zeigte. 

Ein Höhepunkt stellte der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem dar. „Es ist von großer Bedeutung, sich im Rahmen unserer Erinnerungskultur auch mit dieser Zeit auseinanderzusetzen“, sagt Johanna Budke. Yad Vashem gilt als bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. 

Den Abschluss in Jerusalem bildete der Besuch der Erlöserkirche mit einem Vortrag von Prof. Dr. Dieter Vieweger vom Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes. Er nahm eine historische Einordnung der Gedenkstätten nach archäologischen Erkenntnissen vor und setzte sie in Beziehung. Dabei verdeutlichte er, dass die religiösen Erwartungshaltungen einer historischen Überprüfung nicht immer standhielten. So läge das heutige Jerusalem teilweise zehn Meter über dem historischen, da die Stadt besonders in der Zeit der Kreuzfahrer oder der Herrschaft von Suleiman den Prächtigen am Ende des Mittelalters immer wieder überbaut wurde. Besonders eindrucksvoll waren die Feierlichkeiten zum Ende des Laubhüttenfestes an der Klagemauer. Tausende von ultraorthodoxen Juden zog es zur Klagemauer, wo mit Palmwedeln auch der Neubeginn der Tora gefeiert wurde. 

Partnerschule besucht

Die Reise endete mit dem Besuch in Oldenburgs Partnergemeinde Mateh Asher im Nordwesten des Landes. Dort verbrachten die Schülerinnen und Schüler zwei Nächte im Kibbutz Lohamei HaGeta’ot mit seinem berühmten Ghetto-Fighters-Museum. Da sich die jüdischen Schülerinnen und Schüler aufgrund des Laubhüttenfestes in Ferien befanden, sprang der Bürgermeister von Mazra’a ein und lud die Oldenburger Schülerinnen und Schüler in das Gemeindehaus ein. Mazra’a wird von palästinensischen Flüchtlingen bewohnt, die nach dem Unabhängigkeitskrieg von Israel 1949 ihre Heimat verließen. Am nächsten Tag kam es zu einer Begegnung mit palästinensischen Schülern der Sheikh-Dannon-Schule. Der hoch engagierte Schulleiter öffnete die Kleiderkammer und erlaubte jedem Schüler des Alten Gymnasiums ein T- und ein Sweatshirt mitzunehmen. Zudem verwies er auf die politischen Hintergründe der 1994 gegründeten Schule, die zu Ehren des Friedensabkommens mit Jordanien den Namen Friedensgesamtschule erhielt. Der Besuch einer Beduinensiedlung im Westen Galiläas, der mit einem üppigen Mittagessen abschloss, und die Begehung der Kalksteingrotten von Rosch Hanikra standen ebenfalls auf dem Programm. 

Auch der Ansprechpartner der palästinensischen Schule Jussuf ist sich sicher, dass ein Frieden zwischen Juden und Palästinensern möglich ist, wenn diese früh genug in der Erziehung einsetze. Arik Gutler von der Capri-Schule verfolgt diesen Ansatz in seinen „Peaceclubs“ für jüdisch-arabische Jugendbeziehungen: „Erst wenn Jugendliche, die bisher getrennt gelebt haben, zusammen an schulischen Projekten arbeiten, wird ein Verständnis für Sprache, Kultur und Gesellschaft des Anderen erwachsen.“ Ein Gegenbesuch wird im nächsten Jahr im Rahmen der OLMUN durchgeführt, dann werden die Jugendlichen aus Mateh Asher als Delegierte an der UN-Simulation teilnehmen. „Auch darüber wird der Kontakt zu unseren Austauschpartnern fortgesetzt“, meint Johanna Budke. 

Die Schülerinnen und Schüler laden für Donnerstag, 1. Dezember, um 19:00 Uhr zum Israel-Abend in die Aula des Alten Gymnasiums ein, um von ihren Erfahrungen zu berichten.