China erleben

AGOnauten haben Chinesische Kultur hautnah entdeckt

(Fotos: Hauke-Christian Dittrich)

Chinesische Oberstufenschüler marschieren mit roten Flaggen unter Aufsicht eines Militärs im Gleichschritt auf der Tartanbahn des Sportplatzes, während eine hundertköpfige Mädchengruppe die aufwendige Choreographie einer sich öffnenden Blume einstudiert. Eine solche Parade hatten die 20 Schülerinnen und Schüler vom Alten Gymnasium Oldenburg beim Besuch ihrer Partnerschule in Xi’an nicht erwartet. Übungen wie diese sind Bestandteil der Vorbereitungen für ein anstehendes Sportfest. Sie nehmen zwar täglich mehrere Stunden in Anspruch, stellen bei einem Schultag von sieben bis 19 Uhr allerdings nur einen kleinen Teil des Stundenplans dar.

Übertroffen wurden diese Eindrücke noch von dem überaus herzlichen und überwältigenden Empfang, den die Chinesen den deutschen Schülerinnen und Schülern bereiteten. Eine digitale Anzeige über dem Portal des Eingangs hieß die Oldenburger Schülerinnen und Schüler des Seminarfaches „China verstehen“ freundschaftlich willkommen, ehe musikalische Darbietungen folgten und die deutschen Gäste ihre späteren Gasteltern kennenlernten.

Begonnen hatte die Seminarfahrt in Shanghai mit den beeindruckenden Hochhäusern im Stadtteil Pudong. Auf dem  Programm stand unter anderem der Besuch des „German Centre Shanghai“, einer Markteintrittsplattform für mittelständische Unternehmen, die in China investieren wollen. Viele der mittlerweile mehr als 8.000 deutschen Unternehmen haben davon bisher Gebrauch gemacht. Das German Centre bietet zudem den Studentinnen und Studenten der Universitäten in Shanghai und berufserfahrenen Bewerberinnen und Bewerbern die Möglichkeit, sich im Rahmen einer Job-Messe über mögliche berufliche Perspektiven in ortsansässigen deutschen Firmen zu informieren.

Matthias Müller, Manager des „German Center“, betonte in seinem engagierten Vortrag, dass mehr als 80 Prozent der deutschen Firmen in China aus dem Mittelstand kämen. Er verwies auch darauf, dass sich die wirtschaftlichen Investitionen auf den internationalen Märkten in den letzten Jahren weltweit immer mehr in Richtung Asien verschoben hätten. Deutschland müsse sich diesen neuen Herausforderungen stellen, um Auskommen und Wohlstand zu sichern. In diesem Zusammenhang übte der seit über 20 Jahren in China lebende Deutsche auch Kritik an einem zu verkürzten Bild, das in den deutschen Medien von China immer wieder gezeichnet werde. Er ermunterte die interessiert zuhörenden Jugendlichen, sich einen eigenen Eindruck von Land und Leuten zu machen.

Diesen Ball nahm der mitfahrende Schulleiter des Alten Gymnasiums, Frank Marschhausen, auf. Er war der Einladung der Stadt Xi’an und des Schulleiters Gaoyuan Lu gefolgt, die chinesische Partnerschule, die „Xi’an Middle School Nr. 89“, zu besuchen. Vor den Schülerinnen und Schülern beider Schulen zitierte er in seiner Begrüßungsrede Zhào Chōngguó: „Einmal sehen ist besser als hundertmal hören“. Er hob hervor, dass der Besuch ein wesentlicher Bestandteil des im Jahr 2015 von den Schulleitern beider Schulen unterzeichneten Kooperationsvertrages sei (die NWZ berichtete). Die Kooperation stelle einen nicht unwesentlichen Bestandteil der 2007 ins Leben gerufenen China-Initiative der Stadt Oldenburg dar, die nach den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austauschprojekten durch die Einbindung der „Xi’an Middle School Nr. 89“,  und des Alten Gymnasiums jetzt auch die kulturelle Bildung der Schülerinnen und Schüler erreiche. Es sei wichtig, dass die vor drei Jahren geschlossene Kooperation zwischen beiden Schulen mit Leben erfüllt werde. Er freue sich, dass durch den Schüleraustausch die Schülerinnen und Schüler beider Schulen die Möglichkeit bekämen, das jeweils andere Land nicht nur durch Medien, sondern auch durch direkte persönliche Kontakte kennenzulernen.

Die „Xi’an Middle School Nr. 89“, zählt zu den besten Schulen der Millionen-Metropole in der Provinz Shaanxi und bietet das Sprachediplom für Deutsch DSD I seit 2010 an. Bisher haben aus den ersten Jahrgängen über 130 Schüler die Sprachprüfung abgelegt, von denen mittlerweile über 30 Absolventen in Deutschland ein Studium angetreten hätten.

In den folgenden Tagen hospitierten die Oldenburger Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihren mitreisenden Lehrkräften, Gert Lohmann und Ludger Hillman, im Unterricht. Die Gäste waren von der Aufgeschlossenheit und Wissbegierde der Schülerinnen und Schüler beeindruckt, die trotz eines sehr langen Schultages und Klassengrößen über 60 Schüler unermüdlich schienen. Die chinesischen Schülerinnen und Schüler ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um den deutschen Gästen ihre Kenntnisse zu präsentieren. Gegenseitiger Respekt und Einfühlungsvermögen prägten dabei den Unterrichtsstil.

Angesichts der geringen Freizeit der Gastgeberinnen und Gastgeber war es um so erstaunlicher, mit welch einer Herzlichkeit und mit welchem Aufwand die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland betreut wurden. Keine Familie ließ es sich nehmen, mit dem westlichen Besuch die historische Stadtmauer, den moslemischen Markt am Endpunkt der Seidenstraße und den Glockenturm zu besichtigen sowie die vielfältigen kulinarischen Einrichtungen aufzusuchen. Besonders beeindruckend empfanden die Deutschen auch den Besuch der vor 40 Jahren entdeckten Terrakotta-Armee.

Am Sonntag führte die Studienfahrt von Xi’an in die 1.300 km entfernte Hauptstadt Peking. Nur rund fünf Stunden dauerte die Fahrt mit einem der modernen Hochgeschwindigkeitszüge. Die Bahnhöfe erinnerten dabei mit ihren Kontrollen und der Sauberkeit eher an westliche Flughäfen. In Peking standen der Besuch der „Großen Mauer“, der Künstlerkolonie „798-Art-Zone“, die auf einem stillgelegten militärischen Fabrikgelände aus den 50er-Jahren eine einzigartige Kunstszene etablieren konnte, des Himmels- und des Lama-Tempels sowie des Konfuziusmuseums auf dem Programm.

Da in der ersten Oktoberwoche in China die „goldene Woche“ gefeiert wird, war die Stadt besonders stark besucht. Zu spüren bekamen die deutschen Schülerinnen und Schüler dies auf dem Platz des Himmlischen Friedens, wo im gleichen Jahr, als in Deutschland die Mauer fiel, tausende chinesische Studentinnen und Studenten für demokratische Reformen eintraten.

Der Spagat zwischen historischer Kultur und moderner Entwicklung hat die Reisegruppe sehr beeindruckt. „Das enorme Wachstum des Landes ist an vielen Stellen sichtbar“ sagt Schüler Jasper Siegert. Auch mit der kulturellen Vielfalt in den historischen Stadtvierteln der drei Metropolen hatte er nicht gerechnet. Magdalena Berlemann ist die chinesische Handwerkskunst in Erinnerung geblieben: „Die Herstellung verschiedener Produkte aus Seide und die chinesische Töpferkunst war für mich faszinierend.“

Die Schülerinnen und Schüler laden für den Donnerstag, 16. November um 20:00 Uhr zu einem China-Abend in der Aula des Alten Gymnasiums ein, um von ihren Erfahrungen zu berichten.

Die NWZ hat am 19.10.2017 berichtet.

Einen Filmbeitrag gibt es auf NWZtv.