Ein offenes Wort

Ein offenes Wort

Die Flagge am AGO auf Halbmast. An diesem Montag (2.11.2020) um 11 Uhr 15 gedenken deutsche Schulen in einer Schweigeminute des französischen Lehrers Samuel Paty. Dieser wurde von einem Islamisten enthauptet, nachdem er im Rahmen seines Unterrichtes zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen aus der Zeitschrift Charlie Hebdo gezeigt hatte.

Frankreich hatte sich daraufhin mit der Bitte, eine Schweigeminute abzuhalten, an die deutschen Kultusminister gewandt und Herr Minister Tonne hat diese Bitte an die niedersächsischen Schulen herangetragen. 

Auch das Alte Gymnasium beteiligt sich. Damit will die Schule ein Zeichen der Solidarität mit den französischen Kolleginnen und Kollegen setzen und deutlich für das Recht der Meinungsfreiheit eintreten.

Aber wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass ein solcher Akt mehr umfasst. Er kann auch als politisches Signal gewertet werden und dann stellt sich die Frage, inwieweit sich eine Schule politisch betätigen darf und soll. Verlangen deutsche Schulen mit der individuellen Teilnahme an einer solchen Schweigeminute von muslimischen Schülerinnen und Schülern sowie ihren muslimischen Lehrkräften nicht zudem eine unzulässige Positionierung zu anti-islamischen Karikaturen?

Aber halten wir fest, Samuel Paty wurde umgebracht, er wurde ermordet. Doch „nicht nur“ das. Er wurde von Extremisten geköpft im Sinne einer religiösen Rache.

An dieser Stelle muss Schule nach unserem Verständnis deutlich reagieren und das schließt muslimische Schülerinnen und Schüler sowie muslimische Kolleginnen und Kollegen ein. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Menschen auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden.

Frankreich und Deutschland sind geprägt von der Zeit der Aufklärung und es ist Zeit, für religiöse Toleranz zu plädieren  Es ist Zeit, sich für persönliche Handlungsfreiheit, für Bildung und für Menschenrechte  einzusetzen. Es ist Zeit, sich zu dem Erbe der Aufklärung zu bekennen. Denn es bildet eine wesentliche Grundlage unseres täglichen Zusammenlebens.

Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Lycée de Kerneuzec, unserer französischen Partner- und Austauschschule, sehen in diesem Bekenntnis des Alten Gymnasiums nicht nur ein Zeichen der Solidarität, sondern eine Unterstützung ihrer täglichen Arbeit für eine freie, offene und demokratische Gesellschaft, „ein wohltuendes und ermutigendes Signal, das wir hier alle gut gebrauchen können.“ 

Frank Marschhausen

 

Zum Schreiben des Ministers

https://schulnetzmail.nibis.de/files/8b89f75d93831af3ce647ad02e508cb5/2020-10-30_Gedenkminute_Samuel_Paty.pdf