Krisen im Wirtschaftsunterricht

Krisen im Wirtschaftsunterricht

Digitale Impulsvorträge von Claudia Kemfert und Michael Hüther am „Tag der ökonomischen Bildung“ in Oldenburg. 

Mit der „Klimakrise“ und der „Corona-Pandemie“ standen am Freitag, dem 19.03.2021,  gleich zwei große Krisen im Mittelpunkt des digital durchgeführten Tages der ökonomischen Bildung in Oldenburg. Kajo Burkard, Vorsitzender des veranstaltenden Verbandes Vöbas und Spiritus Rector der Wirtschaftslehre am Alten Gymnasium, begründete in seinem Eingangsreferat vor den knapp 200 Teilnehmern, warum sich auch der Wirtschaftsunterricht mit den Auswirkungen dieser beiden großen Krisen befassen sollte. 

Nach den Vorträgen der Umweltökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und Leuphana Universität Lüneburg) und des Direktors des Instituts der deutschen Wirtschaft Prof. Dr. Michael Hüther (IW/Köln) konnten sich die Teilnehmer in fünf digitalen Workshops bzw. Webinaren fachlich und didaktisch vertiefen.  

So bot Markus Allbauer-Jürgensen vom Oldenburger Experimentallabor Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg das Webinar „Klimawandel über Unterrichtsexperimente erfahrbar machen“ und Dr. Michael Koch vom IÖB Oldenburg das Thema „Corona-Krise und Klimakrise. Unterrichtsideen, Materialien und Medien“ an. Ein weiteres Webinar von Petra Niesbach von der Verbraucherzentrale NRW und Prof. Dr. Dirk Loerwald beschäftigte sich mit der Frage: „Nachhaltiger Konsum? Konsumverhalten und Klimawandel“.  Ludger Hillmann vom AGO spürte „Unternehmerische Antworten auf die Klimakrise im Zeichen der Pandemie“ nach. Hierbei stellten Björn Schaeper und Torben Kokott von der Oldenburgischen IHK drei Betriebe aus der Region vor, denen durch innovative Ideen eine Senkung von Emissionen gelang. Das fünfte Webinar mit dem Titel „Die Europäische Union in der Corona- und Klimakrise“ wurde von Hon.-Prof. Dr. Karl-Josef Burkard und Dipl.-Volksw. Arne Stemmann von der Universität Oldenburg geleitet. 

Claudia Kemfert

Die in Delmenhorst geborene Wirtschafswissenschaftlerin machte deutlich, dass Deutschland sich klimapolitisch „nicht ausruhen“ dürfe, selbst wenn man – auch wegen der Effekte durch die Corona-Krise – die Klimaziele für 2020 nun doch noch erreicht habe. Nötig sei vielmehr eine Stärkung der Energiewende. Da der Bedarf an (grünem) Strom noch steigen werde – Stichwort E-Mobilität – „müssen wir sehr viel schneller vor allem Solar-, aber auch Windenergie ausbauen“, meinte die Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Universität Lüneburg. Ein Energiesystem mit 100 Prozent erneuerbaren Energien sei „technisch machbar und ökonomisch effizient“ betonte Kemfert. Was dagegen oftmals fehle, sei der „politische Wille“. Hier sei die Wirtschaft flexibler als die Politik. Frau Kemfert lobte Green Entrepreneurship (grüne Gründungen und grüne Innovationen), die sie als entscheidenden Treiber einer grünen Transformation sieht. 

Michael Hüther

In der Dekarbonisierung sieht Michael Hüther einen großen Schub für den Strukturwandel. Die Disruption erfordere eine veränderte Rolle des Staates, schließlich gäbe es „keine Strategie ohne Kollateralschäden“ und warnte vor ideologischen Regressionen, die er in der Wachstumspolitik der chinesischen Wirtschaft identifiziert. Zwischen der Marktwirtschaft westlicher Prägung und der sozialistischen Marktwirtschaft Chinas zeichne sich ein Wandel vom Sytemwettbewerb hin zu einer Systemgegnerschaft ab. Hierbei würden wirtschaftliche von militärischen Expansionsbestrebungen Chinas überlagert. Bei der Seidenstraßeninitiative zeichneten sich bereits erste Abwehrreaktionen betroffener Staaten ab. 

Der Wirtschafsforscher zeigte Veränderungen und Handlungsbedarfe durch die Corona-Krise auf. Mit Blick auf die Digitalisierung und den Klimawandel habe die Industriepolitik „einen Schub bekommen“, so Hüther. Geldpolitisch sieht er ein Ende der Sparpolitik und forderte eine Reform der Schuldenbremse: „Die Schwarze Null ist tot“. Mit dem Rückgriff auf die Formel  r < g  stellte er fest, solange die Wachstumsrate g der Wirtschaft höher läge als der Zinssatz r, sei eine Verschuldung volkswirtschaftlich unschädlich und wachstumspolitisch geboten. 

Ferner habe die Corona-Krise, etwa in der Bildungs- und Gesundheitspolitik, gezeigt, wie föderale Strukturen und Bürokratie klare Entscheidungen erschwerten. Aufgrund der „Dualität der Verantwortung“ sei Deutschland teils „nicht krisenmanagementfähig“, so Hüther. „Es ist gruselig, was in diesem Land nicht entschieden wird.“

(Text: Ludger Hillmann, Bild Dr. Burkards: J. Schönrock)