Zwischen Pflicht und Moral

Zwischen Pflicht und Moral

Ethik ist ein zentraler Knotenpunkt jeder Gesellschaft, definiert sie von innen heraus. Deshalb stehen auch in der Schule Ethik und Moral immer wieder auf dem Lehrplan. Die eigene Moral ist etwas, das einen Menschen ausmacht. Doch was ist, wenn man die berufliche Ethik über die eigene stellen muss? Besonders in der Medizinethik hat dieser Spagat immer wieder eine spürbare Brisanz. Da Ethik gerade im medizinischen Bereich aber auch ein sehr komplexes Thema ist, hat der Religionskurs des 11. Jahrgangs  die Möglichkeit bekommen, ganz offen mit zwei Rettungssanitätern des Deutschen Roten Kreuzes über die moralischen Konflikte in ihrem Berufsalltag zu sprechen.

Ein Statement von Sina Ries:

Durch das persönliche Gespräch mit den Sanitätern konnten wir uns mit vielen Aspekten der Medizinethik auseinandersetzen, darunter auch wie sich der Beruf auf die eigene Psyche und das Gewissen auswirkt. Schwere Unfälle und Schicksalsschläge sind alltägliche Aspekte in diesem Beruf, was dazu führt, dass man nicht immer mit einem „reinen Gewissen“ nach Hause kommt. Oftmals stellt sich die Frage, ob man mehr nach der eigenen Moral hätte handeln sollen, anstatt dem System der beruflichen Ethik, zu folgen.

Ein Beispiel hierfür ist eine Unfallstelle mit vielen Verletzten. So wird in solchen unübersichtlichen Situationen nach einem klaren System gehandelt, damit denen, die es am Nötigsten haben, zuerst geholfen wird. Als Rettungssanitäter bedeutet dies unter Umständen, an anderen verletzten Menschen vorbeigehen zu müssen, egal wer es ist. Um mit dieser Belastung zurecht zu kommen, steht den betroffenen Rettungssanitätern immer die Möglichkeit eines Gespräches mit einem Psychologen oder einem Vertreter der eigenen Religion zur Verfügung.

Obwohl dieses Thema natürlich auch für die Sanitäter sehr sensibel ist und über unseren theoretischen Unterricht weit hinaus geht, durften wir sehr freie Fragen stellen, um uns anhand von Beispielen und Erfahrungsberichten mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Weitere Punkte, über die wir geredet haben, waren unter anderem lebenserhaltende Maßnahmen und Organspenden. Insbesondere in diesen Bereichen  urteilt man nach seiner eigenen moralischen Vorstellung, was auch für Rettungssanitäter teilweise schwer auszuhalten ist. Erhält man zum Beispiel einen Menschen am Leben, nur weil er Organspender ist, schlägt dies eventuell auf das eigene Gewissen, obwohl es rein objektiv betrachtet „nur die berufliche Pflicht“ ist. Es können dadurch andere Leben gerettet werden, aber dies ist den Sanitätern in der konkreten Situation nicht immer bewusst ist.

Das Zurückstecken der eigenen Moral und das Vertrauen in das System ist etwas sehr Entscheidendes in diesem Beruf, jedoch psychisch auch sehr belastend. Denn unsere persönlichen moralischen Vorstellungen sind das, was uns als Menschen ausmacht  und diese Menschlichkeit dürfen und wollen Rettungssanitäter trotz beruflicher Regeln nicht verlieren. Diesen schmalen Grad zwischen der eigenen Identität und Moral und den beruflichen Pflichten zu finden, ist eine schwere Aufgabe, vor der ich großen Respekt habe und die die Sanitäter jeden Tag aufs Neue fordert.

Standen den SchülerInnen Rede und Antwort: Leonie Mohr und Sven Edler vom Deutschen Roten Kreuz. Vielen herzlichen Dank!