Fast täglich begegnen Schülerinnen und Schüler des Alten Gymnasiums Oldenburg dem Namen Julius Meyberg, wenn Sie auf die historische Aula der Schule zugehen, vorbei an dem Denkmal für die ehemaligen jüdischen Schüler der Schule, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren. Im Gegensatz zu den anderen fünf auf dem Denkmal genannten Schülern war bisher nur wenig über das Schicksal von Julius Meyberg bekannt. Wer war Julius Meyberg und warum wird sein Neffe Mike Meyberg aus Plano, Texas, am 10. November das Alte Gymnasium besuchen?
Aus dem Archiv der Schule geht hervor, dass Julius Meyberg von 1906 bis 1913 das Alte Gymnasium besuchte und Ostern 1913 die Schule als Sechzehnjähriger verließ. Julius und sein drei Jahre jüngerer Bruder Gustav lebten mit ihren Eltern Fanny und Meir in Oldenburg in der Peterstraße 6, dem damaligen Gebäude der jüdischen Schule neben der Synagoge. Nach seinem Abgang vom Alten Gymnasium siedelte Julius nach Hamburg, um eine Ausbildung zum Kontoristen anzunehmen. Seit 1926 arbeitete Julius in gehobener Position bei der Lack- und Farben-Fabrikation Reich. 1929 heiratete Julius Meyberg die aus Hannover stammende Frieda Birnbaum. Schon bald vergrößerte sich die Familie um die Kinder Ruth und Manfred.
In der NS-Zeit emigrierte ein Teil der Familie nach Palästina und die USA, Julius Meyberg blieb aber zunächst in Hamburg. Als nach dem Novemberpogrom von 1938 Frankreich jüdischen Kindern Asyl anbot, ergriffen die Meybergs diese Chance und gaben 1939 ihre vier- und sechsjährigen Kinder in die Obhut der französischen Hilfsorganisation OSE. Derweil waren in Hamburg zwei Auswanderungsanträge der Meybergs nach China und Chile kurzfristig gescheitert. Als 1940 nach der Besetzung Frankreichs ein dortiges Judenreferat eingerichtet worden war, holten die beunruhigten Meybergs ihre Kinder Ruth und Manfred nach Hamburg zurück. Mit der zunehmenden Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung waren die Meybergs gezwungen, ihre Wohnung in der Grindelallee aufzugeben, um Quartier in einem sogenannten Judenhaus zu beziehen. 1942 erhielten die fünf Meybergs Deportationsbefehle. Fanny schickte noch einen letzten verzweifelten Rote-Kreuz-Brief an ihren Sohn Gustav in Haifa. Im Juli 1942 fanden sich die Meybergs an der Sammelstelle Volksschule Schanzenstraße zur Deportation ein und bestiegen am 19. Juli 1942 den Zug nach Theresienstadt. Fanny Meyberg starb bereits 1943 im Ghetto Theresienstadt, während Julius Meyberg, ehemaliger Schüler des Alten Gymnasiums, und seine Frau mit den Kindern Ruth und Manfred im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.
Zum Jahrestag der Pogromnacht vom 10. November 1938 werden Mike Meyberg und seine Tochter Linda Ehrengäste der Stadt Oldenburg und des Alten Gymnasiums sein.
Die Stadt Oldenburg und die Oldenburger Bürgerstiftung werden zusammen mit der Familie Meyberg am 9. November in der Peterstraße 6 eine Erinnerungsstele für Fanny und Julius Meyberg einweihen. Das Alte Gymnasium Oldenburg übernimmt die Patenschaft für diese Erinnerungsstele.
Text und Bild: J. Witte
